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deutsch  Platon - Philosophie als Kunst der Rechtfertigung?

Roger Pfau, emailropf@leute.server.de, 27.03.2003, 16:31



Ich möchte mit einem Zitat beginnen

»... Und nach welcher Regel werden sich Männer und Frauen paaren?«
»Die Besten mit den Besten und die Schlechtesten mit den Schlechtesten, und damit sich die letzteren nicht beklagen, werden wir geschickt vortäuschen, daß über alles das Los entscheidet, so daß schuld an einer nicht erwünschten Paarung nur das Schicksal ist. Wie ich schon sagte, können Lügen erlaubt sein, wenn sie einem edlen Zweck dienen.«
»Und die Kinder?«
»Die der Besten werden von den Müttern mit den prallsten Brüsten in einem Kinderhort aufgezogen und zwar nach einem System, daß keine ihre eigenen Kinder erkennen kann. Diejenigen der Schlechtesten dagegen werden an einen geheimen und verborgenen Ort gebracht.«
»Und welche Vorteile hat das?«
»Wenn sie ihre eigenen Nachkommen nicht erkennen können, werden die Wächter die Familien nicht über den Staat stellen, und kein Junger wird es je wagen, einen Alten zu schlagen, weil er immer befürchten muß, es könnte sein eigener Vater sein. Und wenn Krieg ist, werden die körperlich begabtesten jungen Männer auf das Schlachtfeld geführt, damit sie dort kämpfen. Sie werden schnelle Pferde reiten, um sich im Falle einer Niederlage in Sicherheit zu bringen. Sie werden es lernen, die mutigen Soldaten zu bewundern und die Feiglinge zu verachten. Wer sich im Kampf auszeichnet, wird von seinen Gefährten bekränzt und darf während des ganzen Feldzugs lieben, wen er will, Frau oder Mann, und keiner darf sich ihm verweigern.« (aus Politeia II)

Ein paar Gedanken dazu. Sicher gab es Gründe für Platon, so zu denken - bis auf ganz wenige Ausnahmen (z.B. Jaspers) wurden Zeilen wie diese noch immer mit der gefährdeten und exponierten Situation der griechischen Kolonien und Stadtstaaten seiner Zeit in feindlich gesonner Umgebung gerechtfertigt (was die dort wohl zu suchen hatten?) Und gewiß weiß Platon jenseits jeden Zweifels, anhand welcher Kriterien zwischen den »Besten« und den »Schlechtesten« zu unterscheiden ist. Und absolut selbstverständlich ist es reine Bösartigkeit, sich bei diesen Worten eines Philosophen, dessen »Leben und Philosophie« nach allgemeiner Überzeugung eins waren (gemeint ist Sokrates), an das »ungebundene, das freie Raubtier« erinnert zu fühlen, von welchem ein Adolf Hitler sich in seinem Kampf so fasziniert zeigte. Und zweifellos wird es immer Gründe geben, die Schlechtesten an »geheime und verborgene Orte« zu bringen, Folterkammern vielleicht, Gaskammern, Verbrennungsöfen oder Laboratorien für medizinische Experimente, um nur ein paar der bekannteren geheimen Orte zu nennen. Es ist mir in der Tat nicht erinnerlich, daß jemals die Gründe dafür ausgegangen wären, Menschen, die im Wege stehen, aus dem Weg zu räumen, solange nur Macht genug vorhanden war, solches zu tun.

Und ein paar Fragen, wirklich Fragen, die mir Kopfzerbrechen bereiten, je mehr ich die Quellen und je weniger ich die Exegeten lese.

Ist es das, worauf Philosophie sich im Kern reduzieren läßt? Apriore - zur Not auch posteriore -  Rechtfertigungen zu liefern für was auch immer die Macht "gut" zu nennen beliebt? Philosophen, die dafür sind, und solche, die dagegen sind, ganz ähnlich den Priestern, die auf beiden Seiten die Kanonen segnen? Bis alles, was mensch zu glauben nicht abgeneigt gewesen ist, zu Bedeutungslosigkeit zermahlen ist, weil sich erwiesen hat, daß es doch nur um die schönen Worte ging?

Auch Sokrates hat den Rahmen, der vorgegeben war, nie verlassen. Es geht ihm, soweit ich es sehen kann, nicht darum, unrechtmäßige Gesetze zu ändern, sondern in sich jene Haltung zu finden, die es erlaubt, mit ihnen zu leben. Weil er genau um das wußte, wonach ich im vorherigen Absatz frage? Daß Macht noch über die höchste Einsicht hinwegtanzen wird, wenn sie stört, und andere Erklärungen finden wird, die ihren Einsatz "begründen"?

!Noch! frage ich solche Fragen. Doch still und leise keimt da im Hinterkopf die Einsicht, daß "Menschheit" eine verlorene Sache ist, wenn Einsicht bedeutungslos ist, da die sie tragenden Personen jederzeit getötet werden können, sofern ihre Einsicht der Macht der Mächtigen nicht paßt.

Was also kann Philosophie leisten gegen die Macht? Jenseits aller Proklamationen, real-faktisch?

Roger