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deutsch  Platon - Philosophie als Kunst der Rechtfertigung?

Sven Spickermann, emails-sp@freenet.de, 13.06.2003, 10:43
Original: deutsch  Platon - Philosophie als Kunst der Rechtfertigung? (Roger Pfau), 27.03.2003, 16:31



Was also kann Philosophie leisten gegen die Macht? Jenseits aller Proklamationen, real-faktisch?

Wenn mit real-faktisch gemeint ist, dass selbst Macht ausgeübt wird, dann ist man eine Art Oppositionspartei, dh. man betreibt Politik, was dann keine Philosophie mehr ist (natürlich kann man sich der Mittel der Philosophie bedienen, aber genausowenig ist jemand, der sich durch die Welt bewegt ein "Physiker", nur weil er die Gesetze der Physik sich dauernd zunutze macht).
Was tatsächlich gegen Macht (bzw. deren Überbewertung und Verwechslung mit Legitimität) getan werden kann, ist zum Einen dass Mächtige nicht anders angesehen werden als andere ("geh mir aus der Sonne") und zum Anderen, dass es kein elitäres Verständnis der eigenen Philosophieüberzeugung oder Autoritätsargumente geben sollte, dh. immer wieder deutlich gemacht wird: Ich bin für dieses und jenes weil ich es für richtig halte / es schlüssig ist; dass gerade _ich_ es bin, der es schreibt oder dass es sprachlich auf einem bestimmten Niveau ist oder dass es ein berühmter Denker gesagt hat sollte dagegen weniger eine Rolle spielen. Auf diese Weise lässt sich zumindest die Wahrscheinlichkeit einschränken, dass die eigenen Ideen Politikern als Entschuldigungen oder Rechtfertigungen dienen.

>>Ist es das, worauf Philosophie sich im Kern reduzieren läßt? Apriore - zur Not auch posteriore -  Rechtfertigungen zu liefern für was auch immer die Macht "gut" zu nennen beliebt?

Wenn man "reduzieren" unter machtpolitischen Gesichtspunkten sieht- dann ja. Denn dann kann Philosophie nur in Hinsicht auf den Nutzen gesehen werden. Wenn man Philosophie nicht unter machtpolitischen Gesichtspunkten sieht, dann kann man sie natürlich auch nicht darauf reduzieren. Der philosophische Inhalt an sich hat ja nichts mit Macht zu tun.
Im Endeffekt ist "Apriore Rechtfertigungen zu liefern für was auch immer die Macht "gut" zu nennen beliebt" aber auch das, was man (politisch) will (oder?): Dass dasjenige, was man für gut hält, umgesetzt wird, dh. dass die eigenen Überzeugungen die Überzeugungen der Herrschenden werden oder noch besser: die eigenen Überzeugungen an die Macht kommen (dh mit einer möglichst breiten Basis unten, dh sie nicht mit den konkret Herrschenden verschwinden). Nur, je wichtiger man dieses im Prinzip wünschenswerte Ziel nimmt, desto eher macht man Politik/Macht und nicht Philosophie.
Und ausserdem hat ja niemand Plato dazu gezwungen zu schreiben, was er da geschrieben hat. Da sehe ich also kein Verhängnis, dass Philosophen dazu zwingen würde, zur Macht zu streben. Aber beides geht natürlich nicht:  Machtpolitik als Sicht auf Philosophie zu haben und zu hoffen, dass Philosophie von Machtpolitik verschont bliebe.
Philosophie sollte demokratisch sein (in dem Sinn, dass "vor der Wahrheit alle gleich sind") und wenn dabei sich etwas in den Einstellungen der Herrschenden zum Positiven wendet- gut. Wenn nicht ist es traurig, ändert aber nichts an der Philosophie an sich oder ihrem grundlegenden Wert.
Als Entschuldigung für Negatives verwandt zu werden lässt sich auch dadurch verhindern, dass man nichts Negatives (was immer man darunter versteht) propagiert/lehrt und immer Macht und Moral trennt. Der genannte Plato-Text ist ein gutes Beispiel (dagegen).

>>Doch still und leise keimt da im Hinterkopf die Einsicht, daß "Menschheit" eine verlorene Sache ist, wenn Einsicht bedeutungslos ist, da die sie tragenden Personen jederzeit getötet werden können, sofern ihre Einsicht der Macht der Mächtigen nicht paßt.

Auf Dauer lässt sich die Verbreitung von Einsicht nur unter Verhinderung der freien Meinungsäusserung erreichen, dh. alles wofür Philosophen sich (als Philosophen) politisch immer einsetzen müssen (moralisch gemeint) ist mE der freie Gedankenaustausch.
Ich würde die Menschheit auch nicht als verloren betrachten- denn ganz ohne Ideen wird die Politik nichts sein, wird sie auch nicht Menschen überzeugen können (weil hier ein grundlegendes Bedürfnis besteht), und Ideen wird es ohne ein gewisses Maß an geistiger Freiheit und "machtloser Überzeugung" nicht geben.
Außerdem: Überzeugung, die keine Macht braucht, ist weniger korrumpierbar (dh. ihre Träger) und hat so etwas wie "Propaganda" oder Täuschung nicht nötig. Das lässt sich begrenzt auch auf Politik anwenden: Bewegungen, die die Medien nicht zum Entstehen brauchten, sind wesentlich stabiler und medienunabhängiger auch dann noch, wenn sie den Medienbetrieb betreten haben (siehe Linux oder Globalisierungskritiker). Je mehr sie sich auf Machtausübung stützen, desto instabiler werden sie, bzw. desto mehr Ressourcen müssen in die Stabilität, Täuschung oder Dominanz investiert werden.

MfG
Sven Spickermann