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deutsch  Medien und Macht

Sven Spickermann, emails-sp@freenet.de, 15.06.2003, 16:43
Original: deutsch  Medien und Macht (Bertold Bernreuter), 14.06.2003, 14:14



Lieber Bertold Bernreuter,

Erstmal Gratulation zum Aufbau des Ganzen hier, ich habe schon fasziniert angefangen in den Magazinen zu stöbern (soweit ich die Artikel überhaupt verstehe) und die Diskussionen hier zu lesen.
Entschuldigen Sie die lange Antwort.

»» Ist das eine "spontane" These, mal so in den Raum gestellt, oder gibt es dazu empirische Befunde? Die würden mich interessieren.

Ob es dazu Studien gibt, die wissenschaftlichen Anforderungen genügen (oder ob es überhaupt Studien gibt) weiß ich nicht. Es ist wohl eher eine "spontane" These, für deren Untermauerung es aber Argumente und Beispiele gibt:

- Staaten müssen viele Ressourcen in den Erhalt ihres Gewaltmonopols (und damit ihrer Stabilität) investieren, sonst zerfielen sie.

- Microsoft muss viel Geld und Ressourcen in den Erhalt der eigenen Macht investieren und hat zB einen Fond, aus dem strategische Entscheidungen für oder wider Windows als System beeinflusst werden sollen (zuletzt probiert im Fall München).

- Organisation (mit Macht verbunden) funktioniert nur mit Organisationsträgern. Je weniger das Vorhandensein der Struktur auf einer Grundüberzeugung beruht, desto weniger gibt es grundsätzliche Bindungen der Organisationsträger an die Organisation und desto mehr muss man in Konkurrenz mit "Idealisten" oder "überzeugungslosen Strukturen", die zB mehr Geld bieten, treten. Entweder müssen also materielle Ressourcen (Geld) zur Bindung verwandt werden oder Ressourcen entweder zur Diskreditierung/Verschleierung des Konkurrenten oder zum Aufbau einer Pseudo-Ideologie-Bindung investiert werden.

- Hinsichtlich des Wandels von Bewegungwn und der Erdung in Machtstrukturen oder Überzeugungen ist (vielleicht) die Partei der Grünen ein gutes Beispiel.

»» Und wie ist Ihr Medienbegriff? Linux und zu einem großen Teil auch die Globalisierungskritik sind meiner Meinung nach ohne die Möglichkeiten des Internets in der heutigen Form gar nicht denkbar.

Zunächst mal sind Medien für mich ganz allgemein formbare Voraussetzungen für die Verbreitung von Information (zB Luft, Sprache, Internet, Papier).
"Medien" meinte in meinem Beitrag aber das andere verbreitete Verständnis des Ausdrucks: Die journalistischen politischen Akteure, die ein Massenpublikum erreichen, bezüglich der Öffentlichkeit in Deutschland also "Tagesschau", "Bild" und mit abnehmender Bedeutung ihr jeweiliges Umfeld. Auf Quantität beruhende Meinungsbildung.

Charakteristisch für Bewegungen, die aus den Medien entstehen, ist, dass das von dieser Bewegung vertretene Anliegen extern an die Zielgruppe herangetragen wird und eine größere Abhängigkeit von der Popularität des Projekts und der Funktionstüchtigkeit der sie tragenden Medien besteht. Der Unterschied ist der zwischen aktiver Präsentation und passiver Repräsentation.
Im ersten Fall beruht die Erscheinung (hauptsächlich) auf Präsentation durch die Medien und daraus folgt dann Repräsentation durch die Anhänger, im zweiten Fall (haupts.) auf Präsentation durch Anhänger und daraus folgt (möglicherweise) dann Repräsentation durch die Medien.

Sie (Linux, Glob-K) wären wohl wirklich nicht ohne die Medien (im allgemeinen Sinn) entstanden (nehme ich an, kenne deren Geschichte aber nicht genau). Die Durchsetzung von "Qualität" beruht auf der Möglichkeit zur freien Äusserung. Das Internet vervielfacht diese, beschleunigt die darauf angewiesenen Prozesse. Man kann diese Bewegungen in diesem Sinn also auch als extrem "medienabhängig" sehen, zumindest wirken verfügbare Medien (im allg. Sinn) wie Brandbeschleuniger auf ihre Verbreitung.

»»Wie kann eine "Idee" außerhalb der Medien Breitenwirkung entfalten?

Über die Verbreitung von Büchern, über die Diskussion und (allgemein) über Überzeugungsarbeit. Es ist für Breitenwirkung einer Idee ohne Medienunterstützung auch wichtig, dass (unter Grundbedingungen freier Äusserung) neben der Frage wie oft man eine Meinung hört (Quantität) auch deren Schlüssigkeit und ethische Bewertung (Qualität) mitentscheidet, wie wahrscheinlich sich jemand die zu vermittelnde Idee zu eigen macht. Diese qualitative Verbreitungsform dauert länger, ist aber bleibender.
Eine Meinung, deren Verbreitung auf "Qualität" (siehe oben), beruht, kann zwar durch Verbreitung eine quantitative Dimension erhalten (deren Verlockungen problematisch sind!), aber es funktioniert nicht umgekehrt, zumindest nicht, ohne die Grundlagen eines gesunden Dialogs überhaupt zu zerstören.

»» Ist nicht auch die Art der Zielsetzung entscheidend: Geht es erstrangig um (vielleicht noch etwas diffuse) Kritik an etwas, das mich stört, oder geht es darüberhinaus um die Realisierung von konkreten Alternativen? Bei letzterem scheint mir ein höherer Organisationsgrad unumgänglich, somit auch gewisse Machtverhältnisse.

Das kommt ganz darauf an, was man will (wenn als Zielsetzung die konkrete Änderung feststeht, welche es denn ist). Es ist ja auch ein "konkretes Ziel", möglichst viele Menschen von etwas zu überzeugen (bspw. auf Linux umzusteigen). Dazu _kann_ man auch Machtstrukturen _verwenden_, solange man sich nicht darauf _stützt_ tritt keine Abhängigkeit ein und auch keine Zwangsverhältnisse, insoweit das ganze auf freiwilliger Basis stattfindet.

Bei von Ihnen genannten "exklusiveren Feldern" (hinsichtlich Entscheidungsfreiheit) kommt man in der Tat nicht an Machtstrukturen (und damit -verhältnissen) vorbei. Sei es, dass man Eigenstrukturen aufbaut oder vorhandene entweder personell oder durch Verbreitung eigener Überzeugung unter Organisationsträgern unterwandert. Aber das ist der zweite Schritt und nicht der Entscheidende, weil es nur (quantitative und machtmäßige) Erscheinungen des Eigentlichen sind, "Ausbrüche" aus der qualitativen Basisarbeit. Und nur diese -um auf das Augangsthema zurückzukommen- kann Philosophie in politischer Hinsicht leisten. Dabei sollte sie auf den Erhalt der Möglichkeiten freier Verbreitung und eben die Trennung von Qualität, Quantität und Macht bedacht sein. Ein effektiver Rechtfertigungssteinbruch kann sie mE nur bei fehlender Trennung derselben sein.

»»Wie, denken Sie, kämen wir um den "Medienbetrieb" herum?

Kommt ganz drauf an, was wir wollen. Je nachdem, problemlos oder gar nicht. Soll heißen: Ich weiß es nicht, glaube aber, dass man das Verständnis für "Qualität" fördern muss.

MfG
Sven Spickermann