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deutsch  Medien und Macht

Bertold Bernreuter, emailbernreuter@polylog.org, 14.06.2003, 14:14
Original: deutsch  Platon - Philosophie als Kunst der Rechtfertigung? (Sven Spickermann), 13.06.2003, 10:43



Lieber Sven Spickermann!

Nur ein paar Überlegungen zu einem Aspekt am Schluss Ihrer Ausführungen:

Das lässt sich begrenzt auch auf Politik anwenden: Bewegungen, die die Medien nicht zum Entstehen brauchten, sind wesentlich stabiler und medienunabhängiger auch dann noch, wenn sie den Medienbetrieb betreten haben (siehe Linux oder Globalisierungskritiker). Je mehr sie sich auf Machtausübung stützen, desto instabiler werden sie, bzw. desto mehr Ressourcen müssen in die Stabilität, Täuschung oder Dominanz investiert werden.

Ist das eine "spontane" These, mal so in den Raum gestellt, oder gibt es dazu empirische Befunde? Die würden mich interessieren.

Und wie ist Ihr Medienbegriff? Linux und zu einem großen Teil auch die Globalisierungskritik sind meiner Meinung nach ohne die Möglichkeiten des Internets in der heutigen Form gar nicht denkbar. Oder anders: Wie kann eine "Idee" außerhalb der Medien Breitenwirkung entfalten?

Ist nicht auch die Art der Zielsetzung entscheidend: Geht es erstrangig um (vielleicht noch etwas diffuse) Kritik an etwas, das mich stört, oder geht es darüberhinaus um die Realisierung von konkreten Alternativen? Bei letzterem scheint mir ein höherer Organisationsgrad unumgänglich, somit auch gewisse Machtverhältnisse.


Zuletzt: wie exklusiv sind Realitäten bzw. Alternativen? Es hindert mich ja niemand daran, ein alternatives Betriebssystem für meinen Computer zu entwickeln (mal abgesehen von patentierten Algorithmen und ähnlichen Auswüchsen fehlverstandenen Urheberrechts, die mich eventuell an der Verbreitung meines Ergebnisses hindern könnten). Ich kann sogar mehrere Systeme gleichzeitig auf meinem Computer haben. Im Gegensatz dazu werde ich aber massiv darin gehindert, mich globalen Wirtschaftskreisläufen und Politikentscheidungen zu entziehen. Weil etwa mein Arpeitsplatz abgebaut wird, da anderswo billiger produziert werden kann usw.

Das Feld der Computerbetriebssysteme ist also weniger exklusiv im Hinblick auf die Entscheidungsfreiheit als das Feld einer Nationalökonomie und -politik. Einmal kann es verschiedene Systeme nebeneinander geben, einmal so gut wie nicht. Dafür ist das Verhältnis der Reichweiten genau umgekehrt. Im ersten Fall ist sie sehr gering, sehr exklusiv, es geht nur um Computer. Im zweiten Fall ist sie umfassend, sehr "inklusiv" sozusagen; entsprechend ist das Feld auch sehr komplex. Es scheinen also Felder mit "exklusiver" Entscheidungskompetenz und "inklusiver" Reichweite zu sein, die viel stärker von Machtfragen bestimmt sind.

Zurück zu meiner Frage: Wie kann in derartigen Feldern eine Idee Breitenwirkung haben, ohne durch Medien vermittelt zu sein? Wie, denken Sie, kämen wir um den "Medienbetrieb" herum? Diese Frage stelle ich mir schon lange, aber ich habe bisher keine befriedigende Antwort gefunden.
(Übrigens halte ich Linux für ein schönes Beispiel für die positiven Früchte der Globalisierung.)

Beste Grüße
Bertold Bernreuter