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deutsch  Platon - Philosophie als Kunst der Rechtfertigung?

Bertold Bernreuter, emailbernreuter@polylog.org, 11.04.2003, 21:16
Original: deutsch  Platon - Philosophie als Kunst der Rechtfertigung? (Roger Pfau), 27.03.2003, 16:31



Lieber Roger Pfau!

Ich denke, dass die Philosophie gut daran tut, sich auf konkrete politische Fragen einzulassen, und ebenso gut daran tut, nicht zu glauben, dass sie eine schnelle Veränderung der Verhältnisse bewirken könnte. Dann ist ihre Aufgabe eine sehr wichtige und ebenso eine eminent politische (und unter entsprechenden Bedingungen auch eine sehr gefährliche - Intellektuelle waren in den meisten Diktaturen die ersten, die aus dem Weg geräumt wurden).

Kennzeichen ehrlichen Philosophierens sollte also sein, immer noch eine kritische Frage mehr als die Politik zu stellen, und nicht nur eine. Damit wird sie keinen Krieg im Irak verhindern können, aber auf lange, sehr lange Sicht vielleicht den Weg für tief greifende Veränderungen ebnen können. Ein Beispiel: Nicht dann, als der demokratische Liberalismus gedacht wurde, wurde er auch verwirklicht, sondern erst hundert, zweihundert Jahre später, und beileibe nicht überall.

Natürlich wird es bei einem Meinungspluralismus in der Philosophie immer so sein, dass manche Politiker philosophische Reflexion als moralischen Selbstbedienungsladen missverstehen, sich Argumente nach Bedarf zur Rechtfertigung ihres jeweiligen Handelns zusammensuchen und morgen mit anderen Argumenten eine komplett konträre Position zu rechtfertigen suchen. Der Gedankenreichtum und die Widersprüchlichkeit der Philosophien der Welt sind groß genug, dass sie in ihrem willkürlichen Eklektizismus immer ein passendes Argument für ihre Sache finden werden. Ich finde das jedoch nicht so schlimm, ist es doch nur Folge der Freiheit zu unterschiedlichen Meinungen. Ganz im Gegenteil ist es meiner Ansicht nach nur zu begrüßen, wenn Politiker es überhaupt noch für notwendig halten, ihr Handeln ethisch-moralisch zu begründen.

Gefährlich hielte ich es, von einer irgendwie gearteten alleinigen Wahrheit auszugehen. Das scheint mir ein wenig der (unbewusste?) Hintergrund Ihrer Ausführungen zu sein. In etwa so, dass sich alle Philosophen doch darin einig sein sollten, dass die "geheimen und verborgenen Orte" dieser Welt Anfang und Ende allen Übels sind usw. Offensichtlich sind sie sich jedoch nicht einig in dieser und vielen anderen Fragen.

Etwas für bare Münze zu nehmen, nur weil es Platon, Augustin, Kant, Wittgenstein oder Foucault gesagt hat, ist ja - darin sind wir uns sicherlich einig - die unphilosophischste aller Arten zu denken. Leider ist diese Autoritätsgläubigkeit gerade unter Philosophen sehr weit verbreitet. Aber darüber müssen wir uns jetzt, glaube ich, tatsächlich nicht unterhalten.

Wenn Meinungswettstreit, Ideologiekritik und die Kraft des besseren Arguments (was auch immer "besser" heißen mag) also eine Konstante der Philosophie sein sollten, heißt das jedoch noch lange nicht, dass sie es auch immer in der Politik sein könnten, die viel mehr als die Welt des Denkens von Machtverhältnissen bestimmt wird. Gerade, weil das so ist, ist die Rolle der Philosophie so wichtig, über die konkrete Situation, über das zähnebleckende Grinsen des Zynikers hinaus zu denken, tiefer zu gehen, immer weiter nach den Gründen zu fragen, ohne zu glauben, je an ein Ende oder einen Anfang zu gelangen. Niemand kann ihr die Gewissheit geben, dass ihre Reflexionen jemals Gehör finden werden, tatsächlich Basis für Veränderungen werden. Doch was ist die Alternative? Resignation?

Nun verhält es sich aber meiner Meinung nach so, dass Macht keineswegs von vornherein schlecht ist. Sie stellt erst einmal die neutrale Möglichkeit (und Verantwortung) zur Gestaltung von Welt dar. Je umfangreicher diese Möglichkeiten sind, desto bedrohlicher wird auch die Gefahr ihres Missbrauchs. Dann sehen wir uns irgendwann tatsächlich dem höhnischen Grinsen des Zynikers gegenüber. Andererseits wäre aber eine als richtig erkannte Idee ohne die Möglichkeit zu ihrer Verwirklichung dazu verurteilt, auf ewig ein Luftschloss zu bleiben. "Macht" kommt von "machen", und "machen" ist erst einmal weder gut noch schlecht. Es kommt auf die konkrete Handlung an. So sollte es in dieser Diskussion wohl nicht um die Beseitigung von Macht an sich, sondern um die Fragen eines verantwortlichen Umgangs mit Macht, ihrer Kontrolle und Mechanismen zur Verhinderung ihres Missbrauchs gehen.

Was also kann Philosophie leisten gegen die Macht? Wenn damit gemeint ist, gegen Machtmissbrauch: Wenig und viel zu gleich. Zumindest eines kann sie immer: Sie kann Wege aufzeigen, wie es auch anders geht. Zwingen, sie zu beschreiten, kann sie niemanden, nur werben, vielleicht überzeugen, selten viele. Es werden unterschiedliche Wege sein. Nicht alle davon werden allen gefallen. Oder mit Voltaire: "Ihre Meinung ist mir zwar widerlich, aber ich werde mich dafür totschlagen lassen, dass Sie sie sagen dürfen." Da werden wir es aushalten müssen, dass der eine oder die andere dem Zynismus der Macht (so glauben wir) nach dem Munde redet. Es gilt, mit guten Argumenten dagegenzuhalten. Wie auch immer die lauten.

Beste Grüße
Bertold Bernreuter