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deutsch  Platon - Philosophie als Kunst der Rechtfertigung?

Roger Pfau, emailropf@leute.server.de, 24.04.2003, 11:36
Original: deutsch  Platon - Philosophie als Kunst der Rechtfertigung? (Bertold Bernreuter), 11.04.2003, 21:16



Lieber Bertold Bernreuter

Es liegt sicher an der Mißlungenheit meiner Darlegung, wenn der Eindruck entstanden ist, ich wollte der Philosophie bzw. den Philosophen politisches Engagement abverlangen. So sie solches Engagement aufbringen, hege ich keine Ressentiments dagegen; sympathischer ist es mir, wenn sie es nicht tun.

Es scheint so etwas wie einen Grundkonsens zu geben: egal, wie es geht, es muß weitergehen. Kein Erweis einer Bösartigkeit, keine Ausrottung einer Tierart, nicht der nächste ausgerottete "Eingeborenen"-Stamm, nicht die nächste Millionen Toter, nicht das nächste Martyrium der Opfer eines Kinderpornoringes - nichts, was je geschieht, darf anscheinend dazu führen, daß das grundliegende Sosein der Spezies, und das heißt: das grundliegende Sosein jedes einzelnen Mitglieds der Spezies jemals unabweisbar und irreversibel suspekt wird.

Wir lieben stattdessen Differenzierungen. Die Täter, auf die gezeigt werden kann, mit dem beglückenden Gefühl des eigenen Freispruchs. Die Gründe, unsere von uns und vor uns als gültig akzeptierten Gründe, die man so einfach mit den Taten, auf die sie sich beziehen, verwechseln kann. Hierarchien von mehr oder weniger akzeptablen Gründen; doch dahinter, wie Jakob im Verweis auf Nietzsche schreibt, nichts anderes als der "Wille zur Macht", nichts als der Kampf um die Vorherrschaft einer bestimmten Interpretation.

Und abermals: nicht dagegen argumentiere ich. Es wäre töricht, anzunehmen, dies würde sich jemals ändern. Gewiß nicht zu meinen Lebzeiten, aber ich befürchte, auch die größeren Zeiträume zwischen Aufkommen und Wirksamwerden neuer Ideen, auf die Sie veweisen, werden daran nichts ändern. Es scheint mir eine Krankheit des Lebendigseins selbst, bedingt durch den Kampf um den Zugriff auf nur begrenzt verfügbare Ressourcen.

Mein Grundansatz scheint jedoch von anderen Prämissen auszugehen. Es geht um "Philosophie", also die "Freundschaft zur Weisheit".

Selbstverständlich - vielleicht können Sie mir das einfach glauben - wünsche ich keinerlei wie auch immer geartete Geleichschaltung philosophischen Denkens, etwa eine Einigkeit hinsichtlich der "verborgenen und geheimen Orte". Ich bin lediglich verwundert darüber (nicht mehr wirklich heute, aber es gab eine Zeit), daß kein/kaum einer der mir bekannten Philosophen auch nur im Ansatz zu einer Aussage kam, die ich mir ungefähr wie folgt wünschte:

"Menschliche Angelegenheiten werden über asymmetrische Machtverhältnisse gesteuert. Auch wir Philosophen wissen, was gesund für uns ist, und selbst wenn sich einige von uns gelegentlich weit aus dem Fenster lehnen, dürfen wir um unseres eigenen Lebens willen nicht allzudeutlich machen, daß wir verstehen, daß die Dinge einfach über mehr oder weniger geschickten Machteinsatz - und also im wesentlichen willkürlich geregelt werden und daß zur Verschleierung dieser Willkür strukturelle Gewalt aufgebaut wird; daß wir es wissen, aber durch die nämliche Macht gezwungen sind, so zu tun, als wüßten wir es nicht, oder als ginge es um etwas ganz anderes. Liebe/r Leser/in, verzeih mir bitte, daß ich dich mit uneigentlichen Dingen abspeisen muß."

Ich würde tief aufatmen und denken daß hier jemand ist, der oder die etwas von Belang verstanden hat.

Sie fragen nach der Alternative und nennen Resignation. Ich halte dafür, daß es möglich ist, ohne die Trösterli zu leben, daß es möglich ist, klar zu sehen, ohne auf die Rechtfertigungen auszuweichen. Das Leben ist dann vielleicht nicht mehr süß, sondern bitter-süß und vielleicht einsam. Aber es ist auch frei von der aufgeregten Überdrehtheit des Zwanges, alles zurechtinterpretieren zu müssen. Für einen Kinderschänder genauso wie für den amerikanischen Präsidenten machen ihre jeweiligen Gründe einen Unterschied aus. Für die Kinder oder für die Toten nicht.

Ich habe keinerlei Vertrauen darin, daß Argumente irgendeinen Menschen dazu bewegen, etwas in einer anderen Weise zu machen, als er/sie ohnehin entschlossen ist, es zu machen. Möglicherweise denken Sie jetzt daran, mir eine Variante von Platons Sophistenschelte entgegenzuhalten: "Warum schreibt der Pfau dann überhaupt?" Weil im Gegensatz zu dem, was Herr Platon für richtig zu halten beliebte, die Wirklichkeit nicht aus Nullen und Einsen, nicht aus entweder-oder besteht, sondern aus einem Spektrum von Möglichkeiten, in dem die Extrema nur zwei Punkte unter unendlich vielen gleichermaßen möglichen sind. Weil also nicht notwendigerweise Resignation aus einer Einsicht dieser Art folgt.

Auch ich würde an "Macht" nicht Kategorien wie "gut" oder "böse", "richtig" oder "falsch" u.dgl. anlegen. Ich würde einfach auf ihren Erweis achten. Und dieser Erweis, der mir real beständig entgegentritt, ist im großen Übermaß dergestalt, daß ich nichts, aber auch nicht das Geringste mit Macht oder Subjekten der Macht zu tun haben möchte. Mögen ihre Gründe sein, wie immer sie damit leben können.

Mehr wollte ich nicht sagen; vielleicht im Rahmen dieses Sagens das ein oder andere zum Ausdruck bringen, das zum Nachdenken anregen könnte. Mehr nicht.

Mit freundlichen Güßen
Roger Pfau