home
archive · forum   
themes literature agenda archive anthology calendar links profile


deutsch  Philosophie des Internets und Philosophie im Internet

Bertold Bernreuter: emailbernreuter@polylog.org, 31.08.2001, 08:07
Original: deutsch  Philosophie des Internets und Ohilosophie im Internet (Maik), 30.08.2001, 16:43



Hallo Maik!

leider sind meine englischen Sprachkenntnisse nicht so berauschen, so dass ich meinen Beitag zunächt nur auf deutsch formulieren kann (ich werde mich bessern). Es soll sich jedoch niemand von einer möglichen Diskussion ausgeschossen fühlen. Danke

Nun, bei einem Beitrag auf Englisch wäre ja auch der eine oder die andere "ausgeschlossen" - wenn auch zugegebenermaßen wohl einige weniger. Dennoch halte ich Englisch für das Wundermittel in der interkulturellen Kommunikation nicht.

Z. Z. bereite ich mich auf meine Zwischenprüfung im Fach Philosophie vor und habe das oben genannte Thema als eines der 4 Prüfungsthemen gewählt.

Dazu erst mal Glückwunsch! Leider ist es an deutschsprachigen Philosophie-Instituten nach wie vor keine Selbstverständlichkeit, sich auch über derartige Themen prüfen lassen zu können.

Da frage ich mich schon, ob es neben den zahlreich gefundenen Hinweisen zum Thema "Verhalten im Internet und Chat", auch eine "echte" Philosophie des Internets gibt, oder ist einfach alles erlaubt und ist das auch schon eine Philosophie.

Nun, das ist ein weites Feld. Zu den ethischen Aspekten, die du anreißt, hat sich inzwischen ja schon eine eigene akademische Disziplin etabliert, die Computerethik. Eine Linksammlung vor allem für den deutschsprachigen Raum hat Bernhard Debatin zusammengestellt: http://www.uni-leipzig.de/~debatin/lectures/sem98/Quellen_1.htm

Nach wie vor durchaus auch in einem philosophischen Sinne interessant halte ich die verschiedenen Ausformulierungen des Freeware-Ethos wie etwa im GNU-Projekt: GNU General Public License: http://www.gnu.org/copyleft/gpl.html, Philosophy of the GNU Project: http://www.gnu.org/philosophy/
Eine gute Einführung in diese Gedankenwelt ist ein Dialog zwischen Ulli Meybohm und Stefan Münz: "Freeware als geistige Haltung":
http://www.teamone.de/selfaktuell/artikel/gedanken/freeware/
Auch die Hackerethik, die ja absolut nichts mit dem Zerrbild zu tun, das viele Medien von Hackern zeichnen, gehört in diesen Zusammenhang, z.B. die des deutschen Chaos Computer Club: http://www.ccc.de/Hackerethik.html

Interessant scheinen mir diese ethischen Grundsätze durchaus auch deswegen, weil da nicht Philosophen über andere nachdenken und reden, sondern sich Insider frühzeitig selbst Regeln geben. Mich erinnert das immer ein wenig an den "Urzustand" aus John Rawls' Gerechtigkeitstheorie.

Eine "Philosophie des Internets" kann sich natürlich nicht auf ethische Aspekte beschränken. Du scheinst das genauso zu sehen. Sehr fruchtbare Erkenntnisse für das Philosophieren überhaupt ergeben sich meiner Meinung nach etwa aus einer Reflexion über den Hypertext als der Basis des World Wide Web.
Auch hierzu zwei Links:
- Thomas J. Sebestyen: "Von Text zu Metatext: Gedanken zum Hypertext - Der Entwuf eines Textmodells":
http://www.teamone.de/selfaktuell/artikel/gedanken/metatext/
- José Luis Gómez-Martínez: "Hacia un nuevo paradigma: El hipertexto como faceta sociocultural de la tecnología":
http://ensayo.rom.uga.edu/critica/teoria/hipertexto/gomez/
Vor allem letzterer Text ist äußerst empfehlenswert, jedoch leider nur auf Spanisch verfügbar.

Und so lässt sich die Reflexion auf viele weitere Gebiete ausdehnen, das der Ästhetik etwa, wie du meinst. Ich stimme vollkommen mit dir überein, dass es sich dabei um ganz zentrale (nicht nur) philosophische Fragen handelt. Allerdings ist die Ästhetik in unserer Gesellschaft ja generell eher an den Rand gedrängt. Die akademische Philosophie in Deutschland ist da nur ein getreues Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse. (Meine persönlichen Interessen leider auch.)

Schließlich stellt sich auch die Existenzfragen: Wird das Internet irgendwann zusammenberchen? Besitzt das Ich zukünftig mehrere Existenzen und ist eine davon die Cyberspace-Existenz?

Ich halte nichts davon, das Internet ultimativ hochzujubeln (oder andererseits abgrundtief zu verteufeln). Man sollte seine Bedeutung weder über- noch unterschätzen. Es ist schlicht ein neues Medium, das für bestimmte Zwecke hervorragend, für andere wenig oder gar nicht geeignet ist. Und es produziert neue, eigene Bedürfnisse. Sicherlich ist es ein Medium, das neue Lebensformen schafft - so wie auch das Fernsehen den sozialen Alltag verändert hat.

Ich glaube, es ist nicht zu hoch gegriffen, die Etablierung des Internets mit der Erfindung des Buchdrucks in Europa zu vergleichen. Auch vor der Erfindung des Buchdrucks gab es schon Bücher, und auch danach wurde nicht viel mehr gelesen. Dennoch wäre Luthers Reformation ohne den Buchdruck in der tatsächlich abgelaufenen Form kaum denkbar gewesen. So manche Umwälzung heute wäre ohne das Internet in der tatsächlich ablaufenden Form ebenfalls nicht denkbar.
(Damit ist noch gar nichts zu einer Bewertung dieser Entwicklungen gesagt. Nur so viel: Globalisierung scheint mir ein perfider Euphemismus zu sein.)

Beste Grüße
Bertold Bernreuter