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deutsch  Universalien?

S.E., emailstudium@a1.net, 28.05.2003, 02:21
Original: deutsch  Universalien? (Wabber Quabber), 24.05.2003, 10:07



@Frage akzentuieren ... bin dabei, ist aber nicht ganz leicht, da ich Holensteins Konzept selber nicht ganz durchblicke; folgendes ist ein Ausschnitt über Holensteins Entwurf eines - wie er es nennt - 'anderen Ganzheitsmodells' (Exzerpt; Zit-Angaben sind unvollständig!), mich würden die Meinungen Anderer dazu interessieren; feedback zum 'Text' wünschenswert  
Gruss
S.E.

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Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Neurolinguistik zieht Holenstein auch eine Hypothese der Vergleichenden Sprachwissenschaft in seinem Artikel heran. Diese Hypothese nimmt an, dass die interlinguale Variabilität nicht unbeschränkt, nicht beliebig ist; „nicht alle Variationen, die man sich ausdenken kann und die teilweise auch in künstlichen Sprachen realisiert worden sind, [kommen auch] in natürlichen Sprachen vor[…]. […] überdies sind nicht alle von der gleichen Stabilität, von der gleichen Häufigkeit, von der gleichen Wahrscheinlichkeit.“ (96/97)

Diese Hypothese geht vielmehr davon aus, dass es universale Gesetzmäßigkeiten gibt, welche die Schranken der Variation ausmachen. Folglich, gibt es, laut dieser Hypothese, Universalien nicht nur auf der Ebene der Ideen, des Wesens, des Inhalts, sondern auch auf der Ebene der Erscheinung, konkret auf der Ebene der Laute, der Wörter, des Ausdrucks: „Universalien gibt es auch auf der Ebene der ‚Form’, und zwar auf der Ebene der ‚inneren Sprachform’ (der Weise der Wort- und Satzbildung, der Morphologie, Grammatik und Stilistik) und der ‚äußeren Sprachform’ (der Phonologie).“ (97)

Holenstein greift in seiner Argumentation auf die neue (an der empirischen Sprachwissenschaft orientierten) Universalienforschung zurück, welche das Fundament der klassischen sprachwissenschaftlichen Universalienforschung ins Wanken brachte, durch die Befürwortung des sprachlichen Relativismus im Sinne der neuzeitlichen Herder-Humboldtschen Doktrin, wonach die Bedeutung/der Inhalt immer auch von der Art und Weise des Ausdrucks abhängt. Holenstein zufolge, macht diese "neuere, empirische Sprachwissenschaft nicht nur stärkere, weitergehende Aussagen als die klassischen spekulativen Universalienlehren, sie macht auch in Anbetracht der Stichhaltigkeit des sprachrelativistischen Nachweises der Abhängigkeit der Bedeutung vom Ausdruck allererst verständlich, wie man bei einer solchen Abhängigkeit doch zu semantischen Universalien kommt.“ (97)

Das heißt laut Holenstein seien semantische Universalien gerade wegen des relativistischen sprachwissenschaftlichen Nachweises (also dass Bedeutung/Inhalt von Ausdruck abhängig ist) möglich, und genau dadurch, sei es weiters auch möglich zu Universalien auf der Formebene zu gelangen, denn so Holenstein:
„Die neue Universalienforschung hält also an der Grundeinsicht des neuzeitlichen sprachlichen Relativismus fest, an der Einsicht, daß mit dem Ausdruck auch der Inhalt variiert. Aber im Unterschied zu diesem landläufig gewordenen Relativismus nimmt sie wegen der Schranken der Variation auf der Ausdruckssebene der Sprache entsprechende Schranken auch auf der Inhaltsebene an. Wenn der Inhalt vom Ausdruck abhängig ist, und wenn der Ausdruck universal nach den gleichen Gesetzen (z.B. des Aufbaus eines Wortfeldes) variiert, dann variiert auch der Inhalt in den verschiedenen Sprachen nach den gleichen Gesetzen. Sprachen werden damit in Bezug auf ihren semantischen Gehalt vergleichbar und verständlich.“ (97/98)  

Aus diesem Grund hält Holenstein das hermeneutische Ganzheitsideal von Kulturen im Sinne homologischer Annahmen für revisionsbedürftig, da sich die Annahme, Kultur sei in sich geschlossen, homolog nicht mit den Erkenntnissen der neueren empirischen Sprachwissenschaft verbinden ließe. Erst, wenn eine jede Kultur als plural, polylog und in sich widersprüchlich begriffen wird, erst dann lassen sich sogenannte universale Gesetzmäßigkeiten auf der Ebene des Ausdrucks bestimmen:
„In der Physik, in der Biologie und in den Humanwissenschaften stösst man immer wieder auf Zustände, die, von ihrer Struktur oder ihrer Funktion her erklärbar, stabiler (»natürlicher«) sind als andere. Darüber hinaus scheint die Welt ein Ganzes zu sein, dessen Teile nicht alle miteinander realisierbar sind, sondern nur alternativ oder komplementär. Die Realisation gewisser Möglichkeiten schliesst die anderer aus. Nach dem zugleich klassischen und romantischen Ganzheitsideal, nach dem jeder Teil von jedem anderen Teil abhängig ist, setzt die Vollkommenheit einzelner Teile die uneingeschränkte Anwesenheit und Entfaltung aller anderen Teile voraus. Nach dem gegenwärtigen alternativen Ganzheitsmodell können Teile, die ein Ganzes bilden, untereinander unverträglich sein und einander in der gleichzeitigen Verwirklichung ausschliessen.“ (270)  

Somit stellt Holensteins philosophische Orientierung die u. a. von Abaelard, de la Porrée und Von Salisbury vertretene Position des Konzeptualismus dar, welcher zwischen den beiden Extremen (Begriffs-)Realismus auf der einen Seite und Nominalismus auf der anderen Seite, steht und nach der „das Allgemeine nicht bloß Wort, sondern Begriff und selbstständiges Denken [zugleich] sei“ (Duden).

Das heißt, aus Sicht des Konzeptualismus und dessen Vertreter existieren Universalien weder in der göttlichen Vernunft vor den Einzeldingen noch im Verstand des Menschen nach den Dingen, sondern nur als Allgemeines in den Einzeldingen selbst. Sie sind demnach „im Verstand vor jeglicher Erfahrung entstandene Allgemeinbegriffe, Konzepte, die die Rolle einer besonderen Form der Erkenntnis spielen.“ (phillex).

Demnach sind sie „bewusstseinsmäßige Begriffe oder Vorstellungsbilder, die durch das Abstrahieren von Gleichheiten zwischen den Einzeldingen zustande kommen.“ (phillex)

Aus dieser Perspektive ist für Holenstein der Bestimmungsgrund einer jeweiligen Weltanschauung und jeglicher Erkenntnisgewinn, jegliche Erfassung seiner Selbst und der (Um)Welt nicht die Struktur der Welt (laut platonischer These) noch die Struktur der Sprache (laut der Herderschen Antithese), sondern es ist die „Struktur von Gehirn und Geist [die] sowohl die Struktur der (sinnlichen und intellektuellen) Weltanschauung wie die der Sprache [bestimmt] – universal denselben Schranken der Variation folgend auf vielfältige Weise. Natur, Gehirn, Kultur und Sprache sind zu einem guten Teil das Ergebnis einer Koevolution in den frühen Phasen der Menschheitsgeschichte.“ (272)

oder, so Holenstein in seinem Artikel über Interkulturelle Verständigung:

„Die Strukturen, die von den Menschen als allen Elementen einer Klasse (universal) zugehörig
angenommen werden, brauchen sich nicht mit den Strukturen zu decken, die diesen unabhängig von menschlicher Erfahrung eigen sind (‚real inhärieren’). Sie hängen aber auch nicht willkürlich und unhintergehbar an den sprachlichen Ausdrücken. Es ist vielmehr so, daß die allen Menschen (in den gleichen Schranken der Variabilität) zur Verfügung stehenden (neural bedingten) mentalen Strukturen und Prozesse sowohl die Struktur ihrer Erfahrung als auch die Struktur ihrer Sprachen bestimmen. […] Es ist [also] nicht so sehr die Struktur der Welt, die die Struktur der Sprache bestimmt, noch ist es die Struktur der Sprache, die die Struktur der Welterfahrung bestimmt, sondern es sind die Strukturen von Gehirn und Geist, die die Strukturen der Welterfahrung und der Sprache bestimmen.“ (98}

Holenstein geht demnach von der Annahme aus, dass alle Menschen über dieselben kognitiven Kategorien verfügen. Dies schließt mit ein, die Annahme, dass alle Menschen über die gleichen sprachlichen Kategorien verfügen, welche Holenstein mit der "vielfach bestätigten Erfahrung […], daß jeder Mensch fähig ist, jede Sprache zu erlernen, in die er hineingeboren und der er in der für den Spracherwerb kritischen Zeit ausgesetzt wird.“ (98) begründet.

Was die kognitiven Kategorien betrifft, so versucht Holenstein diese mittels „’feine[r] Unterschiede’“ (99) zu legitimieren/begründen:
„Es gibt in jeder Sprache nicht nur Strukturen, die sich ein- oder wechselseitig implizieren. Es scheint auch solche zu geben, die sich ausschließen oder die einander abträglich sind.“ (99) Obwohl die Tatsache, dass Menschen einmal in eine Sprache hineingeboren, durch die Struktur dieser Sprache bereits vorgeprägt seien, so bedeute dies laut Holenstein nicht auch, dass sich „begabte Menschen nicht doch beide Sprachen aneignen können.“ (99) Wichtig ist, laut Holenstein, hier zu beachten, dass a. keine Sprache ihr zugrunde liegendes Potential vollkommen nützt/verwendet und, dass b. beim Menschen die passive Fähigkeit vor der aktiven steht. Und was nach Holenstein für die Sprachfähigkeit gilt, nämlich dass „Die Sprachfähigkeit eines Menschen, etwas in einer bestimmten Weise auszudrücken, […] nicht mit dem Potential einer Sprache, etwas auf eine bestimmte Weise auszudrücken, zu verwechseln. Der Mensch ist seiner kognitiven Fähigkeiten nach multilingual und multikulturell.“ (99), bezieht er auch auf den Begriff Kultur: „In keiner einzelnen Kultur und vor allem in keinem Individuum findet sich alles, was Menschen an Kultur möglich ist, entfaltet.“ (99)  

Er verweist in diesem Zusammenhang auf Kant, der meinte, dass „’kein Glied aller Zeugungen des Menschengeschlechts, sondern nur die Gattung ihre Bestimmung völlig erreiche’“ (99) Dieser Schluss ist daher nicht neu, Holenstein aber geht weiter und zieht aus dieser Erkenntnis eine weitere Schlussfolgerung, von der er meint, dass sie bis heute nicht gezogen worden ist (vernachlässigt wurde):

„Das klassische Ganzheitsideal, orientiert an der zugleich platonischen und Herderschen Kugel-Metapher, ist in einem weiteren Punkt zu revidieren: Es ist nicht nur so, daß (1) die einzelnen Teile eines Ganzen nur locker miteinander verbunden sind und auch unabhängig voneinander bestehen können, und daß (2) die Prinzipien ihrer Organisation nicht homolog zu sein brauchen. Es ist auch nicht so, daß (3) eine Kopräsenz aller Teile für das Gedeihen eines Ganzen erforderlich ist, eher im Gegenteil. Es ist nicht so, daß ein Teil immer dann optimal zur Entfaltung gelangt, wenn er möglichst harmonisch und konfliktfrei in das Ganze integriert ist. Dies hatte man in der Vergangenheit aufgrund der postulierten wechselseitigen Abhängigkeit
sowohl der Teile untereinander wie zwischen dem Ganzen und seinen Teilen geglaubt. Ein Manko an einer Stelle des Ganzen, so dachte man schlicht und vorschnell, muß sich an einer anderen Stelle notwendigerweise auch negativ auswirken. Das Gegenteil ist möglich. Komplementarität – deutsch: wechselseitige Ergänzung – bedeutet ähnlich wie in der Physik auch in der Kulturphilosophie nicht mehr Kopräsenz, gleichzeitige Verwirklichung aller Teile, sondern alternierende Verwirklichung.“ (100)
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Lit.:

Holenstein, Elmar: Kulturphilosophische Perspektiven. - Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1998.

Holenstein, Elmar: Interkulturelle Verständigung. Bedingungen ihrer Möglichkeit. Aus: Wierlacher, Alois [Hrsg.]: Blickwinkel. kulturelle Optik und interkulturelle Gegenstandskonstitution. - München. Iudicium-Verl., 1996.