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deutsch  Die "Netikette" ist vielleicht doch nicht so nett...

Bertold Bernreuter: emailbernreuter@polylog.org, 22.01.2001, 22:06
Original: deutsch  Die "Netikette" ist vielleicht doch nicht so nett... (Meike K.), 21.01.2001, 02:42



Liebe Meike, lieber Georg!

Nun übertreibt doch bitte nicht so und tut nicht so, als ob hier jemandem der Flammentod ob eines Kommafehlers drohen würde. In der Netikette steht nichts anderes als:

"Bitte versuchen Sie, das Lesen Ihrer Nachricht zu erleichtern, indem Sie auf sprachliche Richtigkeit achten und eventuelle Tippfehler vor dem Absenden verbessern. Besonders störend sind Fehler im Titel des Threads. Auch Webadressen sollte man noch einmal Zeichen für Zeichen prüfen."

Ich verstehe nicht, was daran diskriminierend sein soll, auf gute Lesbarkeit der eigenen Diskussionsbeiträge achten zu sollen (bzw. auf die Funktionalität von Webadressen). Daß es dabei nicht zu kleinlich zugehen kann, versteht sich ja schon allein deshalb, weil immer wieder Diskussionsteilnehmer nicht in ihrer Muttersprache schreiben werden. Zudem hat speziell im Falle des Deutschen die Rechtschreibreform in der Praxis ja sowieso schon zu einer wohltuenden Abkehr vom Orthographie-Fetischismus geführt.

Letztlich soll ja nur dem leider weit verbreiteten Hang Einhalt geboten werden, zu glauben, im Internet könne man jeden Käse produzieren, der einem ansonsten aber nur peilich wäre. Wenn ich einen Brief schreibe, bemühe ich mich ja auch darum, mich einigermaßen verständlich auszudrücken.
Damit soll nicht verkannt werden, daß ein Diskussionsforum im Internet ein anderes Medium darstellt und seine eigenen Erfordernisse und seine eigene Dynamik hat. Vieles wird hier schneller (und lockerer) ablaufen als beim herkömmlichen Briefeschreiben.

Ich stimme vollkommen damit überein, daß hier erstrangig Inhalte zählen sollen. Allerdings denke ich durchaus, daß Form und Inhalt nicht voneinander trennbar sind. Eine Überlegung, nachvollziehbar formuliert, wird überzeugender sein als die im Prinzip gleiche im Gewand holprigen Sprachgestammels.

Erstrangiges Arbeitsmittel für uns Philosophen ist nun mal eine konkrete Sprache, entsprechend sorgfältig sollten wir auch mit ihr umgehen. Zu einer Sprache mit Alphabetschrift (im Chinesischen etwa sieht das wiederum ganz anders aus) gehört auch eine (vielleicht nicht immer logische) Orthographie als ein Regelwerk, das den Umgang mit ihr erleichtern soll. Nichts weiter. Jeder so gut er kann.

wie sinnvoll der gehalt der meinung ist, soll dabei auch nicht herabgewürdigt werden, weil man sich somit zu einem elitären kreis macht, welcher eine breite diskussion verhindert. (Georg Elser)

Gehört man nun schon zu einer Elite, weil man die deutsche Rechtschreibung halbwegs beherrscht? Wird doch wohl nicht wahr sein!

Es ist durchaus richtig, daß in einem solchen "Raum" der richtige Umgangston herrschen sollte; abgesehen davon, daß Höflichkeit in jedem Falle am Platz ist, haben sich seit jeher Philosophen auch unterhalb der Gürtellinie angegriffen... (Meike K.)

... was ja nicht heißt, daß dies hier auch der Fall sein muß.

Andererseits muß ich sagen, daß ich doch sehr erstaunt bin, wie intensiv durch diese Topics der Hang zu Pseudo-Intellektualität und Selbtbeweisung unterstützt wird. (Meike K.)

Noch eine letzte Anmerkung hierzu:
Wie definiert sich Pseudo-Intellektualität denn? Und wie unterscheidet sie sich von "echter" Intellektualität? Durch die größere oder kleinere Zahl von Kommafehlern? Arm der Tropf, der sich durch korrektes Deutsch selbst beweisen muß!

Oder kurz:
Ich hoffe, es wird hier noch viele interessante Diskussionen geben, ganz unabhängig von der Zahl der Kommafehler!

Beste Grüße,
Bertold Bernreuter