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deutsch  ist ein Mensch von grund aus böse, oder dumm?

Roger Pfau: emailropf@leute.server.de, 19.04.2002, 11:52
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Original: deutsch  ist ein Mensch von grund aus böse, oder dumm? (Charlotte), 16.01.2001, 21:06



Liebe Charlotte

Mir scheint, wenn wir darüber sprechen, als was Menschen sich in ihrem Leben erweisen, gilt es zunächst einzugestehen, daß die Möglichkeiten menschlichen Erweisens das gesamte Spektrum - von der äußersten Bestialität bis hin zu äußersten Selbstaufopferung zugunsten eines anderen umfasssen. Diese grundsätzliche "Multivalenz"  scheint mir in der Spezies verankert zu sein, mag sein infolge evolutionärer Notwendigkeit, da die unvorhersehbaren Vielfältigkeiten des Alltags ebenso vielfältige Reaktionsmöglichkeiten notwendig mach(t)en. Vor diesem Hintergrund weist jeder Mensch, der überhaupt ins Sein gelangt, qua seines Menschseins bereits eine apriori-Prägung auf. "Menschsein" heißt sozusagen von vornherein "menschlich geprägt sein".

Ob dies genetisch festgemacht werden muß, ist demgegenüber eher zweitrangig. Sie würden vermutlich einem Fernsehtechniker, der Ihnen weismachen will, er könne aufgrund seiner intimen Kenntnis der Transistoren, Röhren und Schaltkreise eines Fernsehgerätes voraussagen, wie die Qualität des darauf empfangenen Programmes sein wird, vermutlich auch nur ein leicht amüsiertes Lächeln schenken. Die Genetik unterliegt aufgrund ihres Wissenschaftscharakters - im Sinne des derzeit alleinherrschenden Wissenschaftsparadigmas - der Notwendgkeit, die Dinge in "harten" materiellen Kausalrelationen zu erklären; ob etwas damit erklärt ist, wenn es handhabbar und damit verwertbar gemacht wurde, muß jeder für sich selbst klären. Mir scheint an dieser Stelle einer der grundlegenden Denkfehler abendländischen Denkens zu liegen.

Menschen überraschen immer wieder. Daß man sich in der einen wie in der anderen Richtung auf nichts verlassen kann, ist vielleicht einer der wenigen Sachverhalte, auf die man sich verlassen kann - aller Versuche, menschliches Verhalten statistisch-deterministisch einzufangen, zum Trotz. Daraus könnte man, bei geeigneter eigener Persönlichkeitsstruktur, den Schluß ziehen, daß die Bannung der Kontingenz menschlichen Verhaltens ein vorrangiges Anliegen sein muß, z.B. über Erziehung oder allgemein über soziale Prägung. Man kann sich aber auch entspannen ob der Unerfüllbarkeit dieses Vorhabens in dem sicheren Wissen, daß dieses hochkontingente System "Mensch" Fehler ausmittelt, was zwar zu einer durchschnittlichen Normalität der Zustände führt, die für das Individuum nicht notwendigerweise Leidensfreiheit garantiert, aber zumindest bisher das Überleben der Spezies sicherte.

Ebenso sicher wie diese "Ausmittelung" ist aber auch, daß Leidensfreiheit immer nur für wenige und immer nur über einen begrenzten Zeitraum zu erreichen ist. Ich hege in dieser Hinsicht keinerlei Hoffnung auf Unterstützung seitens sozialer Systeme, aber doch eine gewisse Hoffnung auf die Einsichtsfähigkeit von Menschen, denn es ist nicht wirklich unmöglich, einzusehen, daß wir in einem Netz wechselseiter Abhängigkeiten hängen, und daher unser Wohlergehen mit dem Wohlergehen aller untrennbar gekoppelt ist.