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deutsch  Terror in Amerika

Horst Willenberg: emailhorst.willenberg@epost.de, 14.10.2001, 09:37
Original: deutsch  Terror in Amerika (Ronald), 17.09.2001, 13:35



Guten Tag!

Lieber Ronald, liebe Mitlesende!

Vorab ein Wort an Ronald. Ich greife aus deinem Beitrag Reizworte auf und möchte klarstellen, dass ich damit NICHT unterstelle, sie seien von Dir in den von mir aufgezeigten Zusammenhängen gedacht gewesen.


Die von mir beabsichtigte Gratwanderung wird sich zwischen Provokation und Analyse bewegen. Zur Sache:

Ronald schrieb
»» ich habe ein elektronisches Kondolenzbuch ins Web gestellt, zum Thema "Terror in Amerika".

Obwohl ich zu den "Wegbereitern der ersten Stunden" des populären Einsatzes von Computern im Netzgebrauch gerechnet werden darf, ruft ein irgendwo ins Netz gestelltes "elektronisches Kondolenzbuch" bei mir Reflexe wie "Inflation der Anteilnahme" hervor.

Gänzlich im Widerspruch finde ich mich jedoch wieder, wenn Aussagen der Art

»» Zeigt Euch bitte solidarisch, trägt Euch in das Buch ein und gebt den Link an Freunde und
»» Bekannte weiter.

mich in eine definierte Rolle zwingen wollen. Deutlich und kürzer formuliert, sehe ich nicht, daß meine Kondolenz von irgendwelchen Einträgen in irgendwo herumstehenden Servern abhängt.

Letzlich aber, und hiermit versuche ich den Polylog zu entfachen, drängt sich mir eine weitaus provokativere Frage auf:

Womit und wieso sollte ich mich solidarisch zeigen?

Trauer und Betroffenheit würde ich natürlich als Beteiligter (wozu auch der Verlust Nahestehender zu rechnen wäre) sofort und unmittelbar empfinden. Meine Gefühle sind Empörung, Verunsicherung und nagender Zweifel.

1.000.000 Ruandi, 250.000 Shiiten - deren systematische Ermordung konnte nicht eine auch nur annähernde Kondolenz oder Solidarität wecken. Was also geschieht uns? Sind die Erklärungen der Art "Symbole wurden getroffen" oder "Verschiebung der Frontlinie ins Heimatland" tatsächlich schon ausreichend.

Was geschieht? Es sitzen ja nicht nur vordem unfreundlich gesinnte Staaten an einem Tisch, sondern an einem Strang ziehen plötzlich die unterschiedlichsten politischen Kräfte aussen- wie innenpolitisch. Und der Strang, an dem gezogen wird, überzieht jene mit Verachtung, die sich nichtmal solidarisch zeigen wollen.

Womit und wieso sollte ich mich solidarisch zeigen?

Die heraufdämmernde, weltweite Allianz nötigt eine Solidarität auf, wo eine solche überhaupt nicht gegeben ist. Ginge es allein um eine Nation, wäre vielen klar, dass die Hervorhebung eines aussenpolitischen Feindes innenpolitisch mehr Sanktionsmittel durchsetzungsfähig machen soll. Aber so billig kommen wir diesmal nicht davon. Mehr oder weniger hilflos beobachten wir, wie ganze Nationen einknicken, Bürgerrechte in einer Form in Frage gestellt werden, die vor dem 11. September 2001 schlimmstenfalls grosse und kleine Minoritäten zu äussern wagten.

Die derzeitige Weltpolitik versucht als interkulturellen Polylog (ja sei´s drum, sie benutzen andere Wörter) zu verkaufen, was bei näherem Hinsehen nur den Namen Mobilmachung einer Militärallianz verdient.

Was geht ab? Geheimdienste und Sicherheitsbehörden kooperieren global in einer historisch einmaligen Spannweite, während in den Nationen die Hardlinder der gemäßigten Parteien und die gemäßigten der extremen Parteien sich in Konsensgesprächen zusammmenfinden.

Und dieser nach innen wachsende Druck sucht sich natürlich nach aussen ein Ventil. Hier in Deutschland beispielsweise sind laut Umfrageerhebungen 37% der Bevölkerung, vor vier Wochen, für einen militärischen Beitrag Deutschlands in Afghanistan gewesen. Inzwischen, 13.10.01,  sollen es 65% sein.

Womit und wieso sollte ich mich solidarisch zeigen?

Die Organisation "Ärzte für den Frieden" bemängelt, dass die Care-Pakete weder in der Menge noch in der Zielbestimmtheit LKW-Kolonnen ersetzen können. Die Friedensgruppen können oder wollen nicht formulieren, dass ihnen Politik wie Medien zwar sanft über den Kopf streicheln, ihnen aber ansonsten die Vernunft absprechen. Immer heftiger flattert die Friedenstaube in einem riesigen Glaskäfig mit der Eigenschaft einer Gummizelle umher.

Hätten die USA blindwütig am 11.9.01 Kabul bombardiert, wäre alles sehr anders geworden. Aber, soll ich mich nun wirklich solidarisch zeigen, dass die USA und Großbritannien "mit Geschick und Besonnenheit" systematisch eine Nation zerbomben?

Womit und wieso sollte ich mich solidarisch zeigen?

Zwar ist es nicht soweit gekommen, den militärischen Aktionismus von Bush mit einem Friedensnobelpreis zu quittieren, aber die UNO derzeit damit zu versehen? Erst zahlen die USA (mal eben so, als sei es aus der Portokasse) zwei Drittel ihrer jahrelang verwehrten Uno-Beiträge, und dann wird eben der Organisation, deren Aufgabe derzeit eigentlich eine differenzierte Betrachtung und öffentliche Auslegung der Situation wäre, ihre, vornehm formuliert, sprachliche Zurückhaltung mit einem Friedensnobelpreis quittiert (bzw. gedankt?).

In einem Kerndialog (von Mensch zu Mensch) wäre uns allen ziemlich klar, dass eine unterschwellige Ablehnung der Grundhaltung des Gegenübers ohne klärende Worte das Gespräch vergiften würde. Aber wie sehr der interkulturelle Polylog zur Zeit leidet, ist weder von sich aus einleuchtend noch zwingend notwendig erkennbar.

Womit und wieso sollte ich mich solidarisch zeigen?

Wenn Präsident Bush, als Hauptvertreter der mächtigsten Interessengemeinschaft der Welt, in einer Rede an die Nation, einen Vortrag über seine Ansichten zur Gerechtigkeit hält und dabei eine leichte Abwandlung der Redewendung "wer nicht für uns ist, ist gegen uns" einbringt, dann versage ich meine Solidarität und sehe mich, in die Fußstapfen Tucholsky´s tretend, verpflichtet, zum Andersdenkenden zu werden.

Der Umgang mit den Aktivitäten der Friedensgruppen zeigt deutlich, in welche geistigen Reservationen Umsicht und Milde verbannt werden sollen. Italiens Regierungschef Berluscconi nahm sich darüberhinaus die Freiheit, mit dem Begriff "Okzidentalisierung der Welt" die Marschroute der us-europäischen Hardliner offen darzulegen.

Womit und wieso sollte ich mich solidarisch zeigen?

Während die USA in der Vergangenheit wie in der Gegenwart einigen höchst menschenverachtenden Personen Exil gewähr(t)en, soll die Haltung der Taliban bezüglich Ben Laden eine gänzlich andere sein. Das ist sie auch, aber nicht in dem Sinne, dass automatisch die westlichen Schutzzonen für Menschenverachter eine andere, bessere Qualität hätten.


Was könnte die Annäherung gegensätzlicher oder nur unterschiedlicher Standpunkte nachhaltiger zerstören als die Gleichmacherei, mit derzeit (wieder mal, aber jetzt mit selten hohem Erfolg) Krieg zum Frieden erklärt wird? Auch wenn der interkulturelle Polylog (oder wie immer wir es nennen wollen) nicht der Frieden selbst, dafür aber der Weg dorthin ist - müssen wir uns im Klaren sein, wie wenig eine friedliebende Haltung derzeit Resonanz findet.

Womit und wieso sollte ich mich solidarisch zeigen?

Während kritische Medienbeiträge im Westen in den grossen Sendern, wenn überhauopt, nur noch tiefnachts laufen, lacht der ganze Saal, wenn Russlands Regierungschef Putin in der Nobelherberge Villa Hügel einenm erlauchten Publikum aus Wirtschaftsgrößen versichert, was er ihnen zu sagen habe, sei zu wichtig und zu ernsthaft, um es auf schlechten Deutsch vorzubringen (bezogen auf seine rührselige, auf Deutsch gehaltene Rede im Bundestag).


Es wird einer späteren, historischen Analyse vorbehalten sein, all diesen Wirrwarr in Form zu bringen. Zu mannnigfaltig sind die derzeit auf den Zug springenden Interessen. So bleibt mir nur eine Negativ-Zusammenfassung:

Die Situation hat nicht dazu geführt, eine internationale, weit übergreifende, polizeilich agierende Antiterrorkampagne auszulösen. Im Gegenteil wird Terror mit Krieg geahndet. Schädlicheres und Schändlicheres konnte der Annäherung der Glaubens- und Philosophiesysteme kaum geschehen. Es scheint und wird propagiert, die Welt sei sich einig wie nie zuvor - in Wirklichkeit zerfällt sie rasend schnell, ohne jeden Ausgleich einer global-sozialen Wirtschaftsordnung, in immer weniger autarke Splitter.


Womit und wieso sollte ich mich solidarisch zeigen?


Horst Willenberg