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deutschRichtungen in interkultureller Philosophie

Bertold Bernreuter, 12.03.2004, 22:42
Original: deutsch Richtungen in interkultureller Philosophie (Sigrid Berger), 09.03.2004, 20:21

Hallo Sigrid!

  Tatsächlich ist die Frage nach verschiedenen Richtungen in interkultureller Philosophie nicht ganz einfach zu beantworten. Das hat zum einen seinen Grund darin, dass meiner Meinung nach die Mehrzahl ihrer Vertreter trotz aller anderslautender Aussagen letztlich bislang noch nicht so sonderlich deutlich erklärt haben, was GENAU interkulturelle Philosophie ausmacht oder ausmachen soll; da gibt es zwar einige viel versprechende Ansätze, aber von einer theoretischen und vielleicht sogar methodischen Fundierung sind sie zumeist weit entfernt. (Man muss sich klar machen, dass die interkulturelle Orientierung in der Philosophie unter diesem Namen noch nicht einmal 15 Jahre existiert.)
  Zum anderen ist es natürlich ein philosophisch äußerst gewagtes Unternehmen, eine derartige theoretische und methodische Fundierung zu versuchen, da sie zwangsläufig in der permanenten Gefahr steht, voreilig und einseitig kulturelle Festschreibungen vorzunehmen, die ja gerade erst Gegenstand und Aufgabe des interkulturellen Philosophierens selbst wären. Nichtsdestotrotz denke ich, dass man zum Beispiel im Bereich interkultureller Hermeneutik schon etwas weiter sein könnte, als es die vielen gut gemeinten, aber häufig wenig konkreten Absichtserklärungen vermuten ließen. Man muss nicht immer wieder erst bei Null beginnen, schließlich verfügt die Menschheit über mehrere Tausend Jahre Erfahrung in interkulturellen Begegnungen.

  Doch zurück zu deiner Frage. Wenn man sich also über Richtungen in interkultureller Philosophie Gedanken macht, so werden dies bislang immer sehr provisorische Überlegungen sein, die nicht mehr als eine vage Unterscheidung von Ansätzen sein können. Derartige Unterscheidungen sind schon des öfteren gemacht worden (z.B. von Thomas Göller: Kulturverstehen. Würzburg 2000, 76ff oder von Ralf Elm: Notwendigkeit, Aufgaben und Ansätze einer interkulturellen Philosophie. Bonn 2001, 34ff). Ich halte mich hier an eine eher grobe Unterscheidung (was dem vorläufigen Charakter vieler Ansätze besser entspricht), die einer der herausragendsten Vertreter interkultureller Philosophie, der in Deutschland lebende Kubaner Raúl Fornet-Betancourt, vor kurzem gemacht hat (in: ders.: Interculturalidad y filosofía en América Latina. Aachen 2003, 18ff).

  Er spricht von drei "Programmen", die in interkultureller Philosophie entwickelt werden:
  - Das Programm einer interkulturellen Philosophie, die sich vor allem auf die Interpretations- und Verstehensarbeit von kulturellen "Überlappungen" gründet und sich daher in fundamentaler Weise als eine interkulturelle hermeneutische Haltung artikulieren müsste.
  - Das Programm einer interkulturellen Philosophie, die sich als Rekonstruktion der Philosophiegeschichte auf der Basis der "Befragung" der verschiedenen Denktraditionen der Menschheit versteht sowie als einen "Polylog" zwischen den vielen Sprachen, die die Philosophie spricht.
  - Das Programm einer interkulturellen Philosophie als Vorschlag einer radikalen Transformation der Philosophie auf der Basis einer entsprechenden Revision ihrer aktuellen Grenzen mit anderen Denkformen, wie zum Beispiel der Theologie, mit dem ausdrücklichen Ziel, die philosophische Aufgabe als eine befreiende Aktivität in der heutigen Welt zu rekonfigurieren.

  Diesen drei Richtungen könnte man nun die entsprechenden "Gründerfiguren" interkultureller Philosophie zuordnen: Ram Adhar Mall der ersten, Franz Martin Wimmer der zweiten und Raúl Fornet-Betancourt der dritten. Allerdings finden sich natürlich in allen drei Programmen Elemente der jeweils anderen Richtung; es geht also höchstfalls um gewisse Schwerpunktsetzungen. Einen Vordenker wie Raimon Panikkar müsste man etwa mit gleicher Berechtigung allen drei Programmen zuordnen.

  Kurz könnte man vielleicht sagen, dass gemeinsame Ziele in interkultureller Philosophie (wie etwa der gleichberechtigte Dialog aller Philosophien) die Unterschiede einzelner Ansätze doch bei weitem überwiegen. Damit sollen nicht die zuweilen heftigen Kontroversen innerhalb interkultureller Philosophie verschwiegen werden, doch erscheinen sie mir insgesamt doch eher als ein Ringen um verschiedene Wege zu einem gemeinsamen Ziel. Und um ein derartiges konstruktives und produktives Ringen sollte es gehen.

Beste Grüße
Bertold