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deutsch  Frieden auf der Welt

Bertold Bernreuter: emailbernreuter@polylog.org, 18.03.2002, 18:24
Original: deutsch  Frieden auf der Welt (Marco), 18.03.2002, 16:30



Hallo Marco!

»» Ich meinte nicht, dass das Leben Spaß sei, ich wollte lediglich aussagen, dass zu leben doch eigentlich eine 'tolle Sache' ist.

Um das sagen zu können, bedarf es ganz bestimmter Vorstellungen vom Leben und einer ganz bestimmten Lebensqualität. Beides ist keineswegs immer gegeben. Das "eigentlich" ist vielleicht ein Schlüssel für den Ansatz einer Antwort auf deine Fragen. Denn die konkrete Realität hält doch viele Menschen davon ab, ihr Leben "toll" zu finden - auch wenn sie glauben, es grundsätzlich unter bestimmten Voraussetzungen durchaus "toll" finden zu können. Ob man nun aber zufrieden ist mit seinem Leben, ist zum größeren Teil eine subjektive Angelegenheit - wobei es natürlich auch objektive Voraussetzungen gibt, die nicht hintergehbar sind, wie etwa genug zum Essen zu haben.

»» Und da doch eigentlich jeder Mensch ein von der Natur gegebenes Streben nach Leben und Freiheit hat, stellte ich die - vielleicht auch zu pauschale, da magst du Recht haben - Frage, wieso die Völker es nicht lassen können, Krieg zu führen - im Gegensatz zum eigentlichen Bestreben des Menschen (nach 'Spaß' im weitesten Sinne vielleicht auch...).

Und wenn sie meinen, dass das Recht auf Leben und Freiheit verwehrt wird (subjektiv oder objektiv)? Dann versuchen sie, sich im Extremfall dieses Recht gewaltsam zu verschaffen. Oder sie glauben, es anderen verschaffen zu müssen.
Doch was heißt Leben, lebenswertes Leben? Freiheit wovon, Freiheit wofür? Hier sind alle möglichen Arten von Lebensentwürfen denkbar. Und erst einmal ist so einfach nicht entscheidbar, welche davon größere (oder gleiche) Berechtigung haben. In Zeiten des Kalten Krieges etwa: Dient der Kommunismus oder der Kapitalismus mehr dem Menschen? Die Ideologie ist von der Philosophie so einfach nicht zu trennen. Dazu braucht es Kriterien, die von allen geteilt werden, und davon sind wir weit entfernt.

Zum Beispiel: Sind die Tschetschenen Freiheitskämpfer oder Terroristen? Haben die chiapanekischen Indigenas ein Recht auf Autonomie oder untergraben sie die Autorität des Staates? Unterdrücken die Tutsi die Hutu oder umgekehrt oder ganz anders? Provozieren die indischen Moslems die Hinduisten, die Hinduisten die Moslems oder sich alle gegenseitig oder gar nicht? Bringen die Palästinenser unschuldige Kinder um, und die Israelis sorgen für Ordnung, oder kämpfen die Palästinenser um ein menschenwürdiges Leben, und die Israelis sind ihre Unterdrücker? Wie soll man in Bosnien oder im Kosovo miteinander leben?

Oder näher: Nehmen die Zuwanderer den Deutschen die Arbeitsplätze weg oder wir den Zuwanderern, indem wir ihre Heimatländer ausbeuten? Beuten die Unternehmer die Arbeiter aus oder geben sie ihnen Brot und Arbeit? Unterdrücken die Männer die Frauen?

Ich habe bewusst Beispiele gewählt, die sich völlig anders verhalten und nicht miteinander vergleichbar sind. Zudem sind die Beispiele auf zwei Pole reduziert; die Wirklichkeit ist meist viel komplexer. Dennoch scheint eine Realität hinter all diesen Konflikten zu stehen: die Missachtung der Andersheit des Anderen und eine daraus resultierende häufig agressive Selbstüberheblichkeit, auf einer Seite oder auch bei allen Beteiligten.

In der Subjektivität der je unterschiedlichen Lebensentwürfe müsste also die Anerkennung der Andersheit des Anderen als fundamentaler Kern verankert sein, von dem aus friedliche Formen von Konfliktlösung und Interessensausgleich zu suchen wären. Solange dieser Wert nichts zählt, werden Konflikte weiterhin mit Gewalt gelöst werden.
Über die konkreten Alternativen sagt er allerdings noch herzlich wenig. Es gibt unvereinbare Interessen, im Großen wie im Kleinen. Es bleibt also schwierig.

Beste Grüße
Bertold Bernreuter