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Sonnenfinsternis...
Hallo Alban!
Die Geschmäcker sind nun wohl mal sehr verschieden...
Aus der Einleitung des "Buches der königlichen Kunst" (zu dem dein Link führt) - los geht es mit einem schauerlichen Kryptorassismus:
"Es ist Torheit, zu glauben, das Zeugnis höchster Erfahrung der Erfahrensten einer Rasse sei in dem Schrifttum eines Volkes dieser Rasse zu finden."
Es gibt also Völker, und über diesen gibt es Rassen. Wohin aber eine (pseudo)biologische Bestimmung menschlicher Diversität geführt hat und nach wie vor führt, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung.
Diesem Denken inhärent ist eine Hierarchisierung der Menschen; es gibt die Eliten und die mehr oder weniger tumbe Masse. Der Autor schafft es gleich im ersten Satz seines Werkes durch die schwülstige Kombination zweier Superlativen in dieser Frage Klarheit zu verschaffen. So geht das weiter:
"Gewiss: - solange die Erde sich um die Sonne dreht, kam Lichtesaufgang allem Irdischen aus dem Osten, - und vom allerersten Anfang menschlicher Selbstfindungsversuche an waren die erfahrensten Finder im Osten zu finden."
Wieder dieses sinnlose Besser und Schlechter.
(Zum Schmunzeln ist der vermeintliche Anti-Eurozentrismus des dümmlichen Vergleichs: In Japan geht die Sonne nun mal auch im Osten auf, ebenso in Amerika...)
Woher er das alles nur so genau weiß? Unser Zugang zur menschlichen Geschichte ist sehr begrenzt und in großem Ausmaß auf das Vorhandensein von Schrift angewiesen. Nun ist es jedoch nicht sonderlich abwegig zu fragen, warum eine wie auch immer erfolgreiche Selbstfindung schriftlich dokumentiert werden sollte. Immerhin scheinen unserem Autor hier auch Zweifel zu kommen:
"Geheimgut blieb, - selbst für die 'heiligen Schriften', - das, was jederzeit Geheimnis bleiben wird Allen, die es nicht selbst in sich erfahren!"
Deswegen braucht es auch ihn, Joseph Schneiderfranken à la Bô Yin Râ (klingt doch gleich ganz anders), uns das Unsagbare erfahrbar zu machen.
Eine Frage, die sich Herr Schneiderfranken jedoch überhaupt nicht zu stellen scheint, ist die nach dem Charakter der Selbstfindung. Er tut so, als ob es einen vorgezeichneten natürlichen Weg zu sich selbst gäbe und dieses "Selbst" quasi universal wäre. Warum kommen dann, sagen wir, ein indischer Yogi, ein südafrikanischer Sangoma und ein andinischer Schamane zu recht unterschiedlichen, sich mitunter widersprechenden Ergebnissen? Doch deswegen, weil ihre kulturelle Verwurzelung sie Unterschiedliches suchen lässt! (Ganz abgesehen von individuellen Präferenzen.)
Wem die Schriften Joseph Schneiderfrankens helfen, schön. Für mich sind sie unerträgliches Tagebuchgestammel, rhetorische Luftblasen. Doch wenigstens sollte der gute Mann so bescheiden sein zuzugestehen, dass es viele verschiedene, sogar sich widersprechende Wege zu einem erfüllten Leben gibt, und im Zweifelsfall gar ganz ohne "Weisheit aus dem Osten" - zumindest der, die er dafür hält.
Heiko Schneer