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deutschDie Arroganz gegenüber dem Anderen

Bertold Bernreuter, 10.11.2005, 11:42
Original: deutsch Religion - Ein Nicht-denken-wollen oder Nicht-denken-können? Oder beides? (Jan Mühlenbein), 26.10.2005, 16:41

Hallo Jan!

Dein Einwurf bringt mich als (in dieser Frage normalerweise eher gleichgültigen) Agnostiker dazu, für Religion(en) und gläubige Menschen Partei zu ergreifen. Grund dafür ist die meiner Meinung nach unerträgliche Ignoranz und Arroganz deiner Position, die ich nicht unwidersprochen lassen will.

Es mag viele verschiedene Gründe geben, warum sich Menschen einer Glaubensgemeinschaft anschließen; zudem wird die Mehrheit ihrer Mitglieder wohl eher in sie "hineingeboren". Doch wie kommst du zu der Annahme, der Grund - und zwar der einzige -, sich für einen bestimmten Glauben zu entscheiden, sei die Denkfaulheit oder gar die Unfähigkeit zum Denken? Wieso zieht eine (im Zweifelsfall wohl durchdachte und immer wieder neu erkämpfte) Entscheidung für eine bestimmte Glaubenssicht in einigen rational an sich nicht entscheidbaren Fragen eine generelle Denkunfähigkeit nach sich bzw. hat sie zur Voraussetzung?
Mit welchen Kriterien kannst du denn (d)eine Erkenntnis als Wahrheit ausgeben? Ist deine Vorstellung eines autonom und rational denkenden Subjekts nicht ebenso eine Form des Glaubens wie jede religiöse Orientierung? Mit welcher Berechtigung kann sich dieser Freiheitsglaube als "klarer", "wahrer" und "mutiger" über andere Arten der Weltsicht erheben, die vermeintlich nur die Vernebelung des Denkens bedingen?
Wo ist hier überhaupt der Gegensatz: Bedarf eine ehrliche Religiösität nicht gerade des autonom und rational denkenden Subjekts, das sich seiner Grenzen bewusst wird? Das spürt, dass der Mensch, die Welt, das Leben viel mehr sind, als rational erfassbar ist. Und besteht unser Leben nicht vor allem aus Glauben? Aus dem Glauben, dass das Flugzeug nicht abstürzt und ich auch morgen noch geliebt werde?

Wo deiner Position meiner Ansicht nach der Respekt vor Tausenden von Jahren menschlicher Denkgeschichte und vor der existenziellen Hingabe jedes aufrichtigen religiösen Menschen abgeht, das ist die Aussage, dass die Erklärungen der Glaubensgemeinschaften meist etwas seichten Charakters seien. Hast du denn schon alle brahmanischen Kommentare und mutazilitischen Schriften gelesen? Bist du mit dem Pali-Kanon und Talmud schon durch? Hast du im Kojiki und im Popul Vuh kein Körnchen Weisheit gefunden? Ergehen sich Augustinus und Cusanus in seichten Säuseleien? Hat dein religiöser Nachbar nicht Jahre mit sich und seinen nicht beantwortbaren Fragen gerungen und tut es nach wie vor? Man muss den dort geäußerten Gedanken ja nicht zustimmen, aber seicht kommt mir das Wenige, das ich kenne, beim besten Willen nicht vor.

Was du im Hinterkopf zu haben scheinst, sind wohl bestimmte (vor allem westliche) Erscheinungsformen religiöser Institutionalisierung. Doch da haben wir es dann eben mit dem Phänomen Institution und nicht so sehr mit dem Phänomen Religion zu tun. Die Arten und Unarten der Institutionalisierung können wir in allen gesellschaftlichen Bereichen beobachten. Die Aussage, Religion sei Opium fürs Volk, ist genauso falsch, weil undifferenziert, wie die Meinung, Fernsehen verdumme. Das Problem liegt in der Generalisierung.
Massenphänomene und Konformismus sind kein Privileg der Religion. Vor allem determinieren sie nicht. Die Tatsache, Jeans zu tragen oder Lindenstraße zu gucken, nimmt niemanden die Freiheit zu denken. Auch der Glaube einer Religion nicht. Wenn's gut geht, im Gegenteil.

Viele Grüße
Bertold