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Lieber Roger,
**************** Es scheint ein allgemein anerkannter Grundkonsens zu sein, daß man Menschen in gewisser Weise "über einen Kamm" scheren kann/darf, d.h. daß von einem Menschen verlangt werden darf, so zu funktionieren, nicht wie es seine innere Weltsicht verlangt, sondern so, wie es die anscheinend "objektivierte" Sicht seiner Sozietät verlangt. Darauf basieren alle menschlichen Gemeinschaften und - meiner unbedarften Ansicht nach - alle wesentlichen menschlichen Probleme. ********************* Ich werde versuchen von diesem Zitat aus Deiner letzten mail an die Grundfrage meiner Anfangsmail anzuknüpfen. Dies allerdings nicht ohne vorneweg zu schicken, daß mir obiges Zitat sowohl sympathisch ist als auch einleuchtend. Daß was Du als "wesentliche menschliche Probleme" bezeichnest, die in der Basis aller menschlichen Gemeinschaften gründen, sind Probleme erst, wenn man grundlegend von der Notwendigkeit zur Kommunikation ausgeht. Ist dies nicht der Fall wirken sie wie "über einen Kamm" geschoren, also in Sinne einer Einengung von Individuen. Genau diese Einengung aber ist nicht hinderlich, sondern sie ist eine Notwendigkeit bei der Individualisierung des Menschen. Die Notwendigkeit bestehet darin, daß ich über die Differenz zu meinem Selbstbild; zu meiner Individualität bestenfalls zu meinem Selbst, gelange. (Wobei das Wort Individualität in meine Augen bis zum erbrechen überladen ist mit mißverständlichen Glücksverheißungen) Um Differenzen entweder sichtbar zu machen oder als garnicht existent zu beschreiben, bin ich auf die Kommunikation angewiesen. Sie selbst ist grundlegendes Ausdrucksmittel und Meßinstrument der Differenz, während Sie gleichzeitig Gegenstand der Untersuchung sein muß die anhand ihrer selbst durchgeführt wird. Das ist ein Dilemma. Dieses ließe sich entsorgen indem man eine der "bösen" Grundlagen abschafft. Z.B. das Böse über einen Kamm scheren. Doch damit verläßt man wie in Deinem Zitat gesagt, einen Grundkonsens menschlicher Gemeinschaft; ich würde (moralist der ich bin) sogar sagen der Menschlichkeit. D.h. ich kann das Problem lösen indem ich seine Grundlage abschaffe. Dies würde im Falle unseres Dialogs zB. bedeuten Kommunikation als nicht notwendig zu deklarieren. Philosophierend ist Kommunikation aber notwendig, sonst müsste ich daß Philosophieren einstellen und könnte getrost "alleine abdrehen". "...wenn ich für mich in absoluter Einsamkeit der Wahrheit gewiß wäre, dann erledigte sich das Bedürfnis nach Kommunikation von selbst." Sinngemäß K.Jaspers. Deswegen, um endlich mal anzuknüpfen, war meine ursprüngliche Frage nach dem Picasso Zitat damit verknüpft ob es eine Lösung auf Basis unserer, als grundlegend notwendig erachteten Kommunikation gibt, oder ob die Lösung nur im Sprengen dieser Grundlagen liegen kann.
******************* "Wenn DU es nicht kannst, nützt es DIR nichts, daß ein anderer Mensch das entsprechende Vermögen entwickelt hat." ********************
In diesem Sinne nochmal ganz neu formuliert: Wie räumt man gegenüber Picassos Satz, daß Mißtrauen aus, er habe einfach und billig nur die Grundlagen der Kommunikation verlassen und reicht an jeden "in concreto" durch, was viele als schwer empfinden, nämlich Suchen UND Finden? Dies alles allerdings mit dem Anliegen diesem Satz zu seinem "Recht" zu verhelfen, ihn gegen die "einsame" anfeindung in mir zu verteidigen.
Mit freundlichen Grüßen, besten Dank für die Kommunikation in diesem Jahr :-) und guten Wünschen für das neue Jahr.
joh
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