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deutsch  ontologischer Gottesbeweis

jan wever: emailwever@irgendwas.de, 18.11.2002, 13:20
Original: deutsch  ontologischer Gottesbeweis (js), 26.09.2002, 13:49



Anselm von Canterbury und sein ontologischer Gottesbeweis
Anselm leitet die Existenz Gottes aus dem Begriff Gottes ab. Was ist daran richtig und welche Kritik kann man üben?

von Joel Klink, 21.03.2001, zuletzt überarbeitet am 04.06.2002.

   Im Jahre 1078 erschien ein Buch des Abtes Anselm (1033 - 1109, ab 1093 Erzbischof von Canterbury), der dem Benediktinerkloster St. Marie im französischen Bec (in der Normandie) vorstand. Es heißt "Proslogion" (griechisch: "Anrede"), weil es als Gebet an Gott formuliert ist, und enthält im zweiten bis vierten Kapitel einen Gottesbeweis, der erstmals von Christian Wolff (1679 - 1754) oder Immanuel Kant (1724 - 1804) als "ontologischer Gottesbeweis" bezeichnet wurde. Ob die Bezeichnung "ontologisch" passend ist, mag man bestreiten. Ebenso ist zu fragen, ob Anselm wirklich einen Beweis von der Existenz Gottes erbringen wollte. Und schließlich darf die Frage nicht fehlen, ob der Beweis, wenn er denn ein Gottesbeweis sein soll, überzeugt. Bevor man aber mit Anselm abschließt, sollte man ihn erst zu Wort gekommen lassen haben. Sonst kritisiert man ihn womöglich mit falschen Argumenten, die er bereits zu seinen Lebzeiten entkräftet hat. Derartige unzutreffende Kritik, die analog zur Kritik von Anselms Zeitgenossen Gaunilo von Marmoutiers ("vollkommenste Insel") läuft oder auch von Immanuel Kant ("100 Thaler") geäußert wurde, der den ontologischen Gottesbeweis aber wahrscheinlich nur in der Version von Rene Descartes kritisierte, lässt sich heutzutage auch im Internet finden, redet aber an Anselms "Beweis" vorbei, den man natürlich besser mit zutreffenden Argumenten kritisieren sollte.

   Wichtig für das Verständnis ist Anselms Unterscheidung von "intelligere" (=verstehen) und "cogitare" (=denken). Den Terminus "intelligere" benutzt Anselm, wenn etwas gehört wird (und als Lautgebilde im Verstand ist), wenn über etwas ein Begriff gebildet wird, und wenn dieser Begriff der bezeichneten Sache entspricht. Den Terminus "cogitare" verwendet Anselm nur dann, wenn das, was gedacht wird, notwendig als seiend gedacht werden muss. Man kann also nur wahre und wirkliche Dinge denken (cogitare), während das Verstehen wahren oder falschen Inhalt haben kann (intelligere).
Das kann man sich gut merken, wenn man die Grundbedeutung von "intelligere" (und weniger anschaulich von "cogitare") beachtet: "intelligere" ist zusammengesetzt aus "inter" + "legere" = "wähle dazwischen" (Wahl zwischen wahren und falschen Aussagen; Urteilsvermögen), und "cogitare" ist zusammengesetzt aus "co" + "agitare" = "etwas (im Geist) zusammenfassen", "sich etwas zusammenlegen". Die deutschen Begriffe "verstehen" und "denken" für "intelligere" und "cogitare" sind leider nicht gut verständlich. Daher muss man dies im Hinterkopf behalten, wenn man sich nicht direkt mit den lateinischen Texten (Anselms drei Proslogion-Kapitel, Gaunilos Erwiderung, Anselms Antwort darauf) befassen kann.

   Anselm geht davon aus, dass Gott zu verstehen ist als "etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann". Darauf fußt der ganze Beweis. Wenn jemand die Wortfolge hört: "etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", so ist diese Wortfolge in seinem Verstand. Wäre es aber ausschließlich in seinem Verstand, dann könnte man etwas denken, das größer wäre als es, nämlich etwas, das sowohl im Verstand als auch in der Wirklichkeit ist. Also muss "das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", auch in der Wirklichkeit sein. Sonst wäre es ein Widerspruch in sich selbst. Kann "das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", als nicht-existent gedacht werden? Nein, denn ein anderes, das als existent gedacht werden könnte, wäre größer als "dieses, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann". Folglich muss "das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", notwendig als existierend gedacht werden, damit kein Widerspruch entsteht und weil man sonst von etwas reden würde, über das hinaus sehr wohl etwas Größeres gedacht werden kann. Das, "über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann" wird von Anselm identifiziert mit Gott, der demnach sowohl im Verstand als auch in der Wirklichkeit notwendig existieren muss.

   Gegen Anselms Beweis wandte sich anonym der zeitgenössische Ordensbruder Gaunilo aus dem Kloster Marmoutiers bei Tours [1]. Er meinte, man könne erst dann etwas als existent anerkennen, wenn man bereits wisse, dass es existiere. Denn auch Falsches existiere im Verstand, nicht aber in der Wirklichkeit. Auch könne man das Nicht-Sein "dessen, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", denken, weil es als Wortgebilde nicht identisch mit dem durch es Bezeichneten sei. Nur die Bezeichnung "etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann" sei im Verstand, nicht aber dieses Etwas selbst. Gaunilo könnte es nur dann als existierend anerkennen, wenn er dessen Existenz bereits auf andere Weise in Erfahrung gebracht hätte. Und er könnte es nur als notwendig existierend anerkennen, wenn es tatsächlich größer als alles sei. Eine fiktive, vollkommene Insel, die man sich nicht vollkommener vorstellen kann, müsse, analog zu Anselms Gedankengang, notwendig existieren, denn sonst könnte man sich eine Insel vorstellen, die auch in Wirklichkeit existiere und damit noch vollkommener als jene Insel wäre.

   Anselms Antwort auf die Schrift von Gaunilo blieb nicht aus: Ist "das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", nicht im Verstand, dann ist Gott in der Tat nicht "dieses, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann". Oder "das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", ist nicht verstanden worden. Wenn es aber gedacht wird, dann existiert es notwendig. Auch wenn man "das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", nicht völlig verstehen könne, so ist es doch soweit verstehbar, wie Anselm es bereits ausgeführt hat (in Verstand und Wirklichkeit notwendig existierend). Sobald man "etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann" denkt, aber dessen Existenz bestreitet, denkt man nicht mehr an dieses Etwas, sondern an etwas, über das hinaus Größeres gedacht werden kann! Man kommt also nicht umhin: Entweder denkt man "etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", dann existiert es aus Vernunftgründen notwendig. Oder man denkt es, bestreitet aber seine notwendige Existenz, dann befindet man sich in einem logischen Widerspruch. Oder man denkt es nicht, dann denkt man aber auch nicht seine Nicht-Existenz (weil man ja gar nicht an es denkt!).

   Gaunilo sprach von "dem, was größer ist als alles" statt vom "dem, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann". Anselm sieht sich hier missverstanden. Der Unterschied ist scheinbar nur eine Nuance. Man kann etwas als "größer als alles" bezeichnen. Das kann aber existieren oder nicht existieren. Beispielsweise die vollkommene Insel - größer an guten Dingen als alles - kann existieren oder nicht existieren. Behauptet man, "das, was größer ist als alles", existiere nicht, kann niemand analog zu Anselms Beweis begründen, warum es existieren müsse. Denn in der Definition ist das Denken nicht mitenthalten. Für Gaunilos "etwas, das größer ist als alles" muss zusätzlich noch gesagt werden, durch welchen Beweisgang man die Existenz beweisen will. Bei Anselms Beweis ist aufgrund der Bezeichnung "etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann" keine weitere Hinzufügung nötig. "Etwas, das größer ist als alles" kann vieles bezeichnen, Anselms Formel "etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann" hingegen bezeichnet einzig und allein Gott. Denn "etwas, das größer ist als alles" kann vielleicht nur zu einer bestimmten Zeit größer sein als alles, aber vorher und nachher nicht. Es kann also Anfang und Ende haben. Auch kann es als nicht-existierend gedacht werden.

   Gaunilos Beispiel von der vollkommenen Insel war veranlasst durch ein missverstandenes Beispiel, das Anselm gab: Ein Maler plant ein Bild. Es existiert in seinem Verstand. Aber er kann nicht denken: Es existiert. Das kann er nämlich erst, wenn er es gemalt hat. Anselm wollte damit veranschaulichen, dass ein Unterschied besteht zwischen einem hypothetisch Gedachten und einem Gedachten, das wirklich existiert. Dementsprechend könne ein "Tor" - das ist Anselms biblischer Wortschatz, soll heißen: "einer, der die Existenz oder Wirkmächtigkeit Gottes bestreitet" - die Formel "etwas, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", denken und verstehen. Aber ist denn "das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", überhaupt im Verstand? Anselms Beweis wird hinfällig, wenn "das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", nicht verstanden wird und folglich nicht im Verstand ist. Dazu meint Anselm, wenn man von etwas Gutem auf Besseres schließe und so fort, dann gelange man schließlich denkend an "das, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann", und verstehe es auch. Und sobald man es denke und verstehe, denke man die Unmöglichkeit seines Nicht-Seins.

  Soviel zur Darstellung des Beweisganges. Aber was wurde da gerade beschrieben? Ein Gottesbeweis?

  Anselms Biograph Eadmer schrieb, dass Anselm im "Proslogion" habe erforschen wollen, "ob sich mit einem einzigen, kurzen Argument beweisen ließe, was der Glaube und die Predigt von Gott aussagt" [2]. Das würde bedeuten, dass Anselm gar nicht die Existenz Gottes beweisen wollte, sondern die innere logische Schlüssigkeit des christlichen Gottesgedankens. Und in seinem "Beweis" sagt Anselm selbst, dass das Nicht-Sein "dessen, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann" nicht denkmöglich sei. Warum also sollte man dann noch seine Existenz beweisen wollen? - Aber das wäre zu wenig gesagt. Anselm schreibt am Anfang des zweiten Kaptitels seines Buches "Proslogion": "Herr, [...] verleih mir, dass ich [...] verstehe, dass Du bist, wie wir glauben, und das bist, was wir glauben!" Und hiermit haben wir die beiden Absichten: Existenz und Wesen Gottes will Anselm verstehen. Am Schluss des vierten "Proslogion"-Kapitels schreibt er, selbst wenn er nicht mehr glauben wollte, käme er nicht umhin, zu verstehen, dass Gott existiert. So wird man davon ausgehen dürfen, dass Anselm mit den "Proslogion"-Kapiteln 2-4 die Existenz Gottes beweisen wollte. Um das Wesen Gottes geht es im Rest des "Proslogion" (Kapitel 5-26).

  Nun ist klar, dass Anselm Gottes Existenz beweisen wollte. Das kann man auf verschiedene Weisen versuchen. Handelt es sich hier um einen "ontologisch" zu nennenden Gottesbeweis?

  Ontologie ist die Lehre vom Sein. Das Adjektiv "ontologisch" in Verbindung mit "Gottesbeweis" wird seit Kant benutzt für Gottesbeweise, die vom Vernunftbegriff auf das Sein desselben schließen [3]. Laut Kant ist das nicht möglich. Damit werde nur die Grenze der Vernunft aufgezeigt, indem man sie bereits überschritten habe, nicht aber die begriffsnotwenige Existenz Gottes. Wie ein Dreieck drei Winkel habe, so habe man von diesem Gottesbegriff geredet, als ob beides auf gleicher Ebene liege. Aber nur unter der Bedingung, dass das Dreieck existiere, habe es drei Winkel! Wenn sich ein Begriff nicht widerspreche, dann sei das das logische Merkmal seiner Möglichkeit. Der Begriff kann aber auch nicht wirklich sein. Auch könne man Gottes Nichtsein logisch einwandfrei denken. Hebe man in dem Satz "Gott existiert" das Subjekt "Gott" auf, dann werde damit zugleich widerspruchsfrei das Prädikat "existiert" aufgehoben. Aber noch mehr: "Sein" ist überhaupt kein Prädikatsbegriff. Durch ihn wird dem Subjekt nichts hinzugefügt. Warum sagt man also "Gott existiert", wenn es sich dabei doch nur um eine Tautologie handelt? Zusammengefasst sollte man nach Kants Meinung nicht von der Möglichkeit der Begriffe auf die Wirklichkeit der Dinge schließen.

  Ist nun noch eine Frage offen? Nicht mehr, als eben bereits angesprochen, dass man Gott wie eine geometrische Figur zu beweisen versuchte. Welchen Gott hätte man damit bewiesen? Sicherlich nicht den christlichen. Man sollte daher auch nicht sagen, nur weil bisher noch kein Gottesbeweis schlüssig war, heißt das nicht, dass es doch irgendwann einen wirklichen Gottesbeweis geben könnte. Damit verkennt man den "Gegenstand" des Beweisens, nämlich ein Wesen, das uns nicht wie ein Gegenstand zugänglich ist. Besser wäre es gewesen, Anselm hätte sich argumentativ nicht um die Existenz Gottes gekümmert, sondern nur die innere logische Schlüssigkeit des christlichen Gottesbegriffs aufzuzeigen versucht. Das bliebe im Bereich der Möglichkeit. Aber so wäre es dem christlichen Gottesbegriff angemessen gewesen. Glaube und Wissen lassen sich nicht zusammenführen. Hierbei handelt es sich um ein Gegensatzpaar. Gilt der eine Begriff, dann gilt der andere nicht.

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Literatur:

1. Anselmus Cantuariensis / Gaunilo Maioris Monasterii, Kann Gottes Nicht-Sein gedacht werden? Die Kontroverse zwischen Anselm von Canterbury und Gaunilo von Marmoutiers, lat.-dt., übers., erläutert u. hg. v. Burkhard Mojsisch, mit einer Einleitung von Kurt Flasch, Excerpta classica 4, Mainz 1989.
2. Eadmer, Das Leben des heiligen Anselm von Canterbury. Beschrieben von seinem Schüler und unzertrennlichen Begleiter dem Mönch Eadmer, übers. v. Günther Müller, München 1923.
3. Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Königsberg 1787: Die trancendentale Dialektik. Des dritten Hauptstücks Vierter Abschnitt. Von der Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises vom Dasein Gottes.