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deutsch  Unrechtsbewusstsein; Moral

Roger Pfau: emailpfau@izfp.fhg.de, 19.07.2002, 16:54
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Original: deutsch  Unrechtsbewusstsein; Moral (Philipp Schultz), 09.07.2002, 22:25



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»» Eine Frage beschäftigt mich schon seit einiger Zeit: Woher haben wir Menschen unser Unrechtsbewusstsein? Ist es ausschließlich von der Natur (von irgendeiner Gottheit?) gegeben?
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Es will mir vorkommen - ergänzend zu dem, was Bertold Bernreuter in seiner Antwort hinsichtlich der sozialen Dimension der Mediation von Unrechtsbewußtsein schreibt - daß die Frage nach dem Ursprung solcher Bewußtseinszustände weitaus kürzer reicht, als dies zunächst erscheinen mag. Dies deshalb, weil ich kaum einen Unterschied in der Wirksamkeit zwischen sozial vermittelten und genetisch vererbten Gefühlen feststellen kann. Wohl will ich anerkennen, daß Todesangst u.dgl. extrem starke Motivbildner für menschliches Verhalten sind; betrachte ich aber Sachverhalte wie Patriotismus oder Fanatismus, so sehe ich, daß selbst den stärksten "kreatürlichen" Antriebsmomenten in uns zumindest prinzipiell vergleichbar starke sozial mediierte Antriebsmomente entgegenstehen.

Darüber hinaus will es mir vorkommen, daß Unrechtsbewußtsein nichts Natürliches ist. So problematisch sich eine Antwort auf die Frage tierischer Bewußtseinszustände gestaltet, würde ich doch meinen, daß dort, wo Tiere sich selbst überlassen bleiben, Problemstellungen, die beim Menschen mit Recht-/Unrechtfragen einhergehen, ausschließlich über körperliche Stärke geregelt werden. Es sind mir keine Beobachtungen bekannt, in denen Tiere so etwas wie einen "Ausgleich" betreiben.

Unrechtsbewußtsein scheint mir von daher eine Funktion menschlicher Intelligenz zu sein, welche - vom natürlichen Kontext aus betrachtet -denaturiert erscheint. Daß die Intelligenz des Menschen eine natürliche Funktion ist, besagt nicht, daß alle ihre Manifestationen und Gegenstände dies ebenfalls sind.

Und ob ein Gott uns Unrechtsbewußtsein gegeben hat? Ein immanenter Gott könnte dies vielleicht getan haben, obwohl ein Buddhist das vielleicht ziemlich lachhaft fände. Bewegen wir uns jedoch im gesetzesreligiösen Kontext, also Judentum, Christentum, Islam, so wäre die Frage: welcher Gott denn? Zumindest zwei diese drei genannten Religionen lehren die Transzendenz Gottes; ein transzendenter Gott ist aber gerade einer, der NICHT interagiert, sonst wäre er ja immanent. Auch ein - wesensgleich angenommener - Seelenfunke, der uns mit einem solchen Gott verbinden würde, bliebe irrelevant, da auch ein transzendenter Seelenfunke nicht interagieren könnte.

So bleibt nur die Vermutung: Willkür der Macht und historische Zufallskonstellationen führten zu den konkreten historischen Ausprägungen des Unrechtsbewußtseins und der Moral überhaupt, welche insgesamt rein sozial mediierte sind.

Roger Pfau