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deutsch  Wertvorstellungen, Demokratie -» Toleranz und Tabus

Roger Pfau: emailropf@leute.server.de, 12.06.2002, 11:16
external linkhttp://leute.server.de/ropf
Original: deutsch  Wertvorstellungen, Demokratie -» Toleranz und Tabus (Marco), 09.06.2002, 23:53



Hallo, Marco

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Die "Antisemitismus"-Diskussion, die nach den Äußerungen des Vizeparteivorsitzenden der FDP Möllemann 'ausgebrochen' ist, wirft meiner Meinung nach noch viele andere Fragen auf, die gar nicht unbedingt zum direkten Kontext gehören müssen ...
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Meiner Meinung nach wirft diese Diskussion keinerlei - zumindest keinerlei philosophisch relevante - Fragen auf, da es mir offensichtlich scheint, daß hier ein demagogisierbarer Sachverhalt der deutschen Geschichte dazu verwendet wurde, um "strategische Tagespolitik" zu betreiben. Bei aller Sympathie für ein durch Jahrtausende hindurch getretenes Volk -  das wohl weniger ein Volk als eine Kulturgemeinschaft ist -, muß doch festgestellt werden, daß diese Kulturgemeinschaft sich in dem Augenblick, da sie die Möglichkeit dazu hatte, anderen gegenüber in genau der gleichen Weise als Peiniger erwies, wie ihre eigenen Peiniger auch. Dies zu benennen, muß möglich sein; so solche Benennung als "antisemitisch" attributiert wird, scheint mir der intentionale Charakter derart offensichtlich, daß ich nur ein mitleidiges Lächeln dafür übrig habe. Explizit lächerlich finde ich es, daß die - und damit wohl auch: jede - Kritik an einem Angehörigen der jüdischen Kulturgemeinschaft bereits antisemitisch sein soll. Freifahrschein ins Narrenparadies.

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»» Wie weit darf es in einem demokratischen Rechtstaat möglich sein, seine Meinung zu äußern ...
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Mit dem "demokratischen Rechtsstaat" sprichst du eine bestimmte Organisationsform der Machtbalancen an. Es "darf" in solch einer Organisationsstruktur genau soweit "möglich sein", seine Meinung zu äußern, wie es machtseitig, sprich gesetzlich zugelassen ist. Oder war das etwa gar nicht die Frage?

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auf welche Weise setzen wir, die Gesellschaft, uns Tabus, setzen wir sie überhaupt? Wenn ja, aus welchem Grund? Wozu brauchen wir sie?
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Nun, ich setze mir keine Tabus, ich unterliege ihnen. Dies geschieht üblicherweise auf dem Weg der mehr oder weniger verschleierten Mediation, in der Erziehung seitens der Eltern und Schule, immer noch der Kirche, und vieler staatlicher Organisationen. Es geschieht zunehmend massiv über die Medien, welche Sachverhalte als wünschenswert oder nicht wünschenswert darstellen, und viele andere Einflußgrößen. Es scheint mir offensichtlich, daß hier vielfältige Regel- und Steuerprozesse - teils bewußter, größtenteils unbewußter Natur - ineinander greifen, die aufzudröseln einem Soziologen sicher viel Spaß und eine Lebensaufgabe bereitet. Wenn dich das Ganze ernsthaft interessiert, empfehle ich dir Pierre Bourdieu zur Lektüre, oder auch, aus einer etwas konservativeren Ecke, Niklas Luhmann.

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Stört mich das Wort eines Menschen - sei es auch noch so dummes oder schreckliches Geschwätz - solange er dem Gesagten nicht Taten folgen lässt?
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Nun, wenn du mich fragst: ja, Geschwätz stört mich. Was nicht bedeutet, daß ich irgendeinen Menschen daran zu hindern wünsche, es loszuwerden. Es stört mich auch die nahezu automatische Gleichsetzung eines Wunsches oder einer Ansicht mit der Bestrebung, diesen Wunsch oder diese Ansicht anderen als verbindliche Handlungsmaxime aufzudrängen, etwa in Form noch weiterer Gesetze.

Und wenn du dich fragst, ja, nun: stört es dich oder stört es dich nicht? Oder suchst du nach Gründen, warum es dich stören oder nicht stören sollte? Dann würde ich sagen: mehr Mut zu autarkem Denken.

ciao Roger