home
archive · forum   
themes literature agenda archive anthology calendar links profile


deutsch  Ich Du Er Sie Es Wir Ihr Sie sind schuld an Erfurt

Moritz: emailzap-zarapp@gmx.de, 27.05.2002, 17:44
Original: deutsch  zum Unglück von Erfurt (Helmut), 13.05.2002, 00:19



Hallo Helmut,
erstmal danke für deine Antwort. Dann will ich mal versuchen, darzulegen was genau ich meinte. Vielleicht hole ich etwas zu weit aus, doch ich will versuchen meinen Gedanken von Anfang bis Ende zu verfolgen.

Wie ich bereits geschrieben habe, ging ich von (m)einem Idealmodell einer Gesellschaft aus. Das Ideal kenne ich selbst nicht, vielleicht entspricht es am ehesten dem Paradies; für diese Diskussion sollte es jedoch ausreichen festzustellen, dass Geschehnisse wie die in Erfurt und ihre vielfältigen Auslöser eindeutig nicht ideal sind. Wir leben in einer sozialen Gesellschaft, die nun aktuell schwerlich mit einem Idealzustand übereinstimmt. Ich nahm an, es sollte außerdem im Sinne einer idealen Gesellschaft sein ihr Ideal zumindest anzustreben - zweifellos ist das eine notwendige Vorraussetzung es auch zu erreichen bzw. sich ihm überhaupt zu nähern.

Im Prinzip hat sich seit den ersten sozialen Gemeinschaften des Menschen, ja der Tiere sogar ebenfalls nicht viel an ihren regelnden Strukturen und Mechanismen geändert. Des Menschen Gesellschaft nur ist zudem komplexer und vielfältiger geworden, was zum einen an der steigenden Mitgliederzahl, zum anderen an der Eigenschaft des Menschen, mit durchdachten Mechanismen seine neu entdeckten Umwelt- und Sozialbereiche selbt zu regeln, liegt: er stellt spezielle Instanzen und Gewalten, verkörpert von einem "ausreichend großen" Teil seiner Gesellschaft, zur Regelung bestimmter Teilbereiche dieser Gesellschaft an.
Solche Gewalten sind notwendig, aber in gewisser Weise eben auch kontraproduktiv. Zum einen regeln sie natürlich soweit es gelingt die ihnen zugeschriebenen Bereiche im Sinne ihrer Aufgabe. Ein Nebeneffekt besteht aber auch darin, dass sie alle anderen von dieser regulierenden Aufgabe scheinbar befreit. Schwer wiegt dazu noch die Tatsache, das diese Gewalten mit ihrer Aufgabe immer überfordert sind. Etwas überspitzt fragt sich dann der vielleicht naiv-ahnungslose, vielleicht egoistische Bürger: wozu soll ich als Bürger Aufgaben übernehmen wenn es doch dafür solche eigens zuständigen Gewalten gibt?
Das sollte nachvollziehbar sein; man kümmert sich um seinen eigenen Kram und hat eh schon vollauf damit zu tun ihn zu meistern, führt aber immer mehr dazu, dass die Menschen mit Scheuklappen durch die Welt laufen, in den Glauben vertrauend das es andere gibt die die Sachen regeln. Es geht so der Sinn für die Gemeinschaft in der man selbst lebt, in die man einbezogen ist weil man auf sie einwirkt und weil sie einen selbst beeinflusst, verloren.
Anders könnte man auch sagen, dass der seit Urzeiten bestehende Gemeinschaftssinn
in diesen gesellschaftlichen Zeiten völlig unzulänglich ist - gesellschaftlich global gesehen. Dass er nach wie vor in welcher Stärke auch immer vorhanden ist, zeigt sich bisher glücklicherweise immer nur noch im Kreise seiner archaischen Bestimmung, nähmlich der eigenen Sippe aber - leider viel zu selten darüber hinaus. Es gibt nicht nur mehr eine Sippe im Umkreis von 5 km sondern 1000´de die sich überschneiden, aneinandergeraten und notwendigerweise miteinander auskommen müssen. Wir leben in einer Mega-Sippe bestehend aus vielen Sippen. Die "We are one family"-Bewegung der Techno-Kultur der vergangenen Jahre sei als Beispiel für einen Versuch genannt, dieses Problem (erfolgreich?) aufzugreifen.

Was nun das ideale Individuum in solch einer Umwelt ausmacht, sollte sich in erster Linie darauf beziehen wie es auf die Gesellschaft, also auf deren einzelne Mitglieder wirkt und wie sich das wiederum auf die Gesellschaft auswirkt usw.
Wenn ich also beispielsweise einen Jungen einfach verprügel, so werde ich nicht nur ihn selbst, sondern ebenfalls die Gesellschaft (also auch mich selbst) verprügeln. Natürlich bin ich in diesem Fall der Einzelne, der diese Handlung hier und jetzt ausführt, keine Frage. Ich als Einzelner bin jedoch nicht der alleinige Grund, der ein Ereigniss herbeiführt. Die Herbeiführung zu klären bedarf ALLES, sowohl das hier und jetzt des Handlungsmotivs als auch darüber hinaus, miteinzubeziehen (nicht nur Ausweglosigkeit, dort geltende Schulgesetze, kein Abi = kein Abschluss, eine Reihe von Misserfolgen). Das jeder Einzelne die Macht besitzt, Dinge zu tun, ist einerseits richtig, sollte aber auch jedem anderen bewusst sein. In einem Kreislauf gegenseitiger Aufmerksamkeit statt Ignoranz und Desinteresse, und um einen Kreislauf, wenn auch einen unberechenbaren wegen der vielen vielen Sammelbecken und Verzweigungen, handelt es sich ganz bestimmt, hätte Roberts Hass und Verzweiflung MINDESTENS EINE Anlaufstelle als Ventil gehabt, statt sich mit Pistolen Löcher in die Staumauer schießen zu müssen.    
Wir sind Menschen und können über das hier und jetzt als AUSLÖSER der Handlung hinausdenken. Genauso wie diese Gedanken zu den URSACHEN hin und deren Verstehen darauf basieren was wir kennen und erlebt haben, basiert auch unser Verhalten darauf.
Kenntnisse und Erlebnisse wiederum erhält man auch in Interaktion mit anderen Menschen - praktisch wenden wir tagtäglich das an, was andere Menschen uns irgendwann einmal lehrten - so auch "verprügeln/verprügelt zu werden" und irgendwann mit höherer Wahrscheinlichkeit, natürlich unter bestimmen Umständen, geben wir das weiter und lehren andere "verprügeln/verprügelt zu werden", was wiederum zur "Verbreitung" der "Prügelei" beiträgt und mit noch höherer Wahrscheinlichkeit, unter bestimmten Umständen wieder auf uns zurückfallen kann usw.
Sicher prügelt der Einzelne, doch der Grund für diese Handlung ist bei allen anderen zu suchen - jene die hinschauten, die wegschauten, die zu wenig dagegen taten, die Vorbilder, die Nachmacher, die Vormünder, die Freunde, die Feinde, die Bekannten usw.
Der einfache Ausweg, die Schuld den eigens dafür verantwortlichen Instanzen und Gewalten zuzuschieben um den unmittelbar Schuldigen zu finden reicht bei weitem nicht aus. Alle Schuldigen zu erreichen und zu "strafen" ist unmöglich. Hier muss der Gemeinschaftsinn einsetzen und Mit-Verantwortung übernehmen und das möglichst bei jedem Mitglied der Gesellschaft.

Ein Beispiel in puncto Gemeinschaftssinn und Mit-Verantwortung zeigt das Internet, die wahscheinlich letzte Gelegenheit, es noch einmal MITeinander zu versuchen, die zur Zeit gerade verbaut wird:
Die allgemeine Diskussion um höchst fragliche Inhalte von Internetseiten einfach dadurch zu "lösen", das es laut dem Hamburger Landgericht seit dem Mai 1998 ausreicht bzw. nötig ist, sich auf der eigenen Homepage schriftlich der Verantwortung zu jeglichen Inhalten gelinkter Seiten zu entziehen, bietet wohl ein Paradebeispiel für die Inkompetenz und Realitätsferne der eigens für dieses Problem zuständigen Instanzen.
In meinen Augen bedeutet dieses Urteil nichts anderes als gesetzlich auferlegte Ignoranz und Verdrängung gegenüber der Tatsache, dass es überhaupt ein Problem gibt. Es trägt zu keinerlei realistischen Lösungsansätzen bei; im Gegenteil, es gräbt in diesem Fall der größten (möglichen) Einflusskraft einer (virtuellen) Gesellschaft, der gemeinsamen Diskussion und Lösung des Problems, einfach nur das Wasser ab. Sollte es, wie auch immer, irgendwann ein "Erfurt" im Internet geben, fragen sich wieder alle wie es denn nur dazu hat kommen können.

Das gesellschaftliche Problem liegt bei allen, die der Gesellschaft angehören und in ihr leben, aber nicht gleichzeitig MIT ihr leben, d.h. im Denken und Handeln nicht über den individuell-egoistischen Horizont gelangen können oder wollen. Das diese Gesellschaft vorrangig dieses egoistische Verhalten belohnt und gleichzeitig soziales Verhalten über den "Zufall" verkümmern lässt, zeigt mir wie "krank" und unsozial sie ist und lässt mich nicht verwundern, dass Ereignisse wie in Erfurt eintraten und weiter eintreten werden.

Nein, es ist meiner Meinung auch nichtig, unbeachtet von allen anderen über Lösungen nachzudenken. Solange nicht die Mehrheit der Gesellschaft sich durch dieses Problem direkt betroffen sieht, wird sie dieses Problem nicht sehen.
Ob es im Angesicht eines gesellschaftlichen Ernstfalls jedoch noch schnelle und wirksame Lösungen gibt, ist bei solch trägen Massen, die von derart inkompetenten Steuerorganen im Blindflug gelenkt werden, zu bezweifeln. Man sieht es fast Tag für Tag.  

Soweit, hoffe ich hier meinen Standpunkt klar gemacht zu haben, ein wenig konfus fürchte ich fast, doch ein paar Lichtblicke sollten zu finden gewesen sein.

Moritz