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»» Hallo,
----------------------------------------------------------- Die Bilder von Erfurt gehen mir zur Zeit einfach nicht mehr aus dem Kopf. Und ich frage mich dauernd wie es dazu kommen konnte. -----------------------------------------------------------
Nun, es konnte dazu kommen, weil Menschen so sind, wie sie sind. Inmitten einer Welt, in der der Anschein erweckt werden soll, das Sollen und Müssen sei bereits das Sein, gibt es zu Genüge Beispiele der Kontingenz menschlichen Verhaltens, so viele Beispiele, daß Kontingenz als Regel, nicht als Ausnahme erkannt werden könnte, wenn jemand sehen wollte.
Wenn ich auf die Straße gehe, sehe ich, daß ungefähr 80% aller Leute zwischen 10 und 50 Jahren Jeans tragen, z.B. auch ich. Dafür, daß dies hier möglich ist, sterben in den Baumwollanbauländern ganz konkret Menschen. Schert es jemanden, mich eingeschlossen? Offensichtlich nicht wirklich. Daß dies nicht als kollektiv begangener Mord aufgefaßt wird,liegt m.E. nur daran, daß das geselschaftliche System, dem wir angehören, so gestrickt ist, daß es uns persönliche Verantwortung für solche Sachverhalte abnimmt: als Mitglieder solchen Systems prosperieren wir einfach von diesen vom System gehandelten Sachverhalten ("Wer kann schon was an den Mechanismen der Weltwirtschaft ändern?", wäre z.B. so ein Freispruch). Den Rest erledigt die große Menge, die immer unschuldig ist, oder sich fühlen wird.
----------------------------------------------------------- Die billigen Ausreden der meisten Medien und der Politiker daß Computerspiele und Filme daran schuld sein sollen, kann und will ich nicht akzeptieren. Hinter dieser Tat stckt mehr. Ich habe das Gefühl hier hat unsere Gesellschaft versagt. -----------------------------------------------------------
Ich glaube nicht, daß unsere Gesellschaft hier versagt hat. Wir erleben hier lediglich den Beginn ihrer Vollendung. Filme und Computerspiele sind in der Tat billige Ausreden. Die Menschen selbst sind das Problem. Wie sagte weiland der alte Bias: "Die meisten sind schlecht". Wer läßt schon ab von der eigenen Maximalverwirklichung zugunsten eines anderen, zu dem man nicht in einem engen, wohlwollenden Verhältnis steht?
Das einzige, was mir an den Erfurter Ereignissen bemerkenswert scheint, ist der Verweis auf einen Umstand, der schon bei dem Attentat auf das World Trade Center beobachtet werden konnte: Sobald etwas zu nahe kommt, schreien wir. Alles andere begleiten wir mit einem ungeheuren Zynismus, wohlwissend, daß nichts, was irgendeines dieser armen Schweine machen kann, uns jemals zu gefährden vermag. Aber wehe wenn doch: dann wird das Ende des Abendlandes und aller christlichen Werte beschworen, als seien diese nicht schon längst dem einzigen Gott, der je zählte, geopfert worden. Wenn es sie je gab.
In Erfurt ist nichts passiert, was wir nicht jeden Tag einander auf vielfältige Weise antun. Es wurde nur sichtbar, daß es jeden treffen kann, auch jeden einzelnen in seinem ureigensten "Homeland".
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