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Lieber Bertold Bernreuter,
***************************************** >> da geben Sie uns mit Ihrer Frage eine harte Nuss zu knacken, an der sich schon ganze Philosophengenerationen die Zähne ausgebissen haben. *****************************************
Hierzu hege ich dezidierte Vermutungen, die im Laufe dieser Antwort hoffentlich noch deutlich werden.
***************************************** Verstehe ich Sie richtig: Religionen, Philosophien, Ideologien u.Ä. sind die abgeleiteten Aussagensysteme und gesucht ist das Metasystem, das sie in irgendeiner Weise begründet und strukturiert? *****************************************
Es kommt mir komplizierter vor, da wir ja "nach oben" gleichermaßen wie "nach unten" denken können. Als ich diese Erläuterung schrieb, standen mir die Religionen usw. als die Metasysteme vor Augen, mit deren Gültigkeit die Gültigkeit anderer Systeme begründet wird. Als ich Ihre Replik las, wurde mir aber sofort klar, daß das Mißverständnis bereits in meiner Fragestellung angelegt ist, denn diese impliziert - in einer bestimmten Weise verstanden - daß mit der erwiesenen Gültigkeit eines Metasystems bereits das "Ende der Fahnenstange" erreicht sei. Für mich ist im Prinzip klar, daß die Begründung der Gültigkeit eines Metasystems nicht systemimmanent erfolgen kann, ohne kontingent zu werden, sondern auf ein Meta-Metasystem verweisen muß usw., womit wir in eine unendliche Rekursion gelangen, die praktischerweise aber sehr schnell abgebrochen wird (infolge Ressourcenbegrenzung führen wir sozusagen die philosophische Analogie zur mathematischen "Grenzwertberechnung" für unendlich nie durch und bleiben bei Gott, apeiron, Staatsgesetz oder Analogien davon stehen). Somit wären Religionen, Philosophien usw. beides: nach unten Metasystem ihrer abgeleiteten Systeme, nach oben Subsystem ihrer Metasysteme. Und die eigentliche Frage wäre dann: woher beziehen wir inmitten dieses Strudels der Metaebenen Sicherheit.
***************************************** Was ist das Systemische an einem System, sprich was macht ein System zum System? Kann es in einem System auch Widersprüche geben, ohne dass es aufhören würde, ein System zu sein? *****************************************
Nun, ein System, so wie ich den Begriff in diesem Zusammenhang gebrauche, besteht lediglich aus einem Axiomensatz und Ableitungsregeln, mit deren Hilfe neue wahre Sätze des Systems gebildet werden. Im wesentlichen sind in den vielen, vielen Systemen die Axiome und die Ableitungsregeln sakrosankt, am Beispiel der Bundesrepublik etwa das Grundgesetz und das Gesetzgebungsverfahren. In dieser - angenäherten - Sakrosanz (gibt es diese Substantivierung?) der Axiome spiegelt sich natürlich die jahrtausendealte Tradition der Nichthinterfragung der Prämissen innerhalb der abendländischen Philosophiegeschichte wieder - Nichthinterfragung innerhalb eines Paradigmas, nicht entlang der Verwerfungslinien zwischen zwei konkurrierenden Paradigmen.
Bezüglich der Widerspruchsfreiheit verweise ich z.B. auf unzählige praktische Beispiele des Systems "bundesdeutsche Gesetze" (wobei anstelle Deutschlands wohl auch jedes beliebige andere Land stehen könnte), sowie auf den Satz von Gödel, welcher paraphrasiert besagt, daß sich in jedem genügend starken System von Axiomen und Ableitungsregeln Sätze ableiten lassen, deren systemische Wohlgeformtheit (sprich: Zugehörigkeit) mit den Möglichkeiten des Systems weder bewiesen, noch wiederlegt werden kann. Dies erscheint mir ein genügend starker Hinweis auf die Unfähigkeit jeglichen nichttrivialen Systems, Inkontingenz zu gewährleisten, so daß das Problem der Widerspruchsfreiheit gar nicht erst zum Tragen kommt, weil das Ganze schon sehr viel früher an den kontingenten Sprüngen der Gedankenführung scheitern würde, wenn Menschen nicht eine ausgeprägte Befähigung zur selektiven Wahrnehmungsunschärfe aufwiesen.
***************************************** Worauf ich hinaus will: Wäre es vielleicht nicht sinnvoller, nach (einzelnen) "Metakategorien" oder "Metaprinzipien" zu fragen als nach kompletten Metasystemen? .... *****************************************
An dieser Stelle haben Sie mich "kalt erwischt", denn die einzige Antwort, die ich Ihnen darauf geben kann, lautet: natürlich, so ist es.
Dennoch halte ich dafür, daß meine Fragestellung relativ einfach zu "retten" ist, denn in der Praxis menschlichen Denkens ist eine enorme "Neigung zum Bekenntnis" festzustellen. Ich möchte mit dieser Begrifflichkeit darauf verweisen, daß ein Individuum sehr wohl vom System abweichende Ansichten hegen kann und darf, solange das System als Ganzes nicht gefährdet ist. Auch der Philosoph darf im Rahmen seiner Philosophentätigkeit zwar alles denken, er gerät aber in des Teufels Küche, wenn seine Gedanken staatsdestabilisierend wirken (erinnern Sie sich noch an die Schwierigkeiten, die Sartre schon bereitet wurden, als er auch nur mit dem inhaftierten Andreas Baader sprechen wollte?). Sogar der mittelalterliche Häretiker blieb weitgehend unbehelligt, wenn er klug genug war zu schweigen. Also, ein System, das gemischt ist aus "wahren" und "falschen" Sätzen, wird bei genügender systemseitiger Macht die ihm anheimgegebenen Menschen immer zu jener Willfährigkeit bewegen können, die darin besteht, mit den richtigen auch die falschen Sätze mitzutragen. Das wird auch nicht dadurch widerlegt, daß es immer wieder Einzelne gab, die für ihre abweichenden Überzeugungen starben. Sie starben eben. Das System ging über sie hinweg. Oder: es kam durch Gewalt zur Änderung.
Philosophisch scheint mir in synkretistischer Vorgehensweise - an zweiter Stelle, hinter dem völlig eigenständigen Denken - ohnehin die einzige Möglichkeit gegeben zu sein, Klarheit hinsichtlich dessen zu erlangen, was einem angemessen ist.
»***************************************** Hier stellt sich für mich die Frage von Reichweiten. "Gültigkeit" ist ja nie nur eine ontologische oder auch epistemologische Angelegenheit, sondern immer auch eine ethische bzw. politische: Was ist gültig für wen? ******************************************
Ich stimme vollkommen mit Ihnen überein. Was besagt aber Ihr Statement hinsichtlich der Möglichkeit, ethische Maximen in einem allgemeingültigen Rahmen zu formulieren (wir führen ja noch eine andere Diskussion).
***************************************** Ich denke auch, dass ein empirischer Ansatz der Erfolg versprechendste in dieser Problematik ist: einfach in Geschichte und Gegenwart nach Prinzipien zu suchen, die immer wiederkehren und deshalb vielleicht universalisierbar sind (allerdings nicht automatisch auch schon universal). *****************************************
Ich sehe dies nicht, oder nur in der unangenehmen Richtung. Zweifelsohne werden Menschen immer wieder und in wechselnden Kontexten auf die gleiche "kluge" Idee kommen, die Lösung ihrer Probleme mit dem Tod, der Unterwerfung, Ausbeutung, Diffamierung, dem Ausschluß anderer zu erkaufen, und zweifelsohne wird Gott (oder eben auch: die siegerseitig geduldeten Philosophen) immer auf der Seite der Sieger gewesen sein. Dieses Prinzip ist gewißlich "universalisierbar" und vielleicht sogar schon "universell".
***************************************** Wäre etwa bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte empirisch und nicht deduktivistisch vorgegangen worden, stünden dort auch nicht derart partikuläre Rechte wie das Recht auf privates Eigentum (Art. 17), das bestens geeignet ist, kollektiv organisierte Gemeinschaften zu zerstören, ... *****************************************
Proklamation und Wirklichkeit - zweierlei Welten mit genau den Schnittstellen, die sie im Sinne der aktuellen (akuten?) Subjekte der Macht benötigen, um machtstabilisierend zu sein. Dies gilt m.E. leider auch für die Menschenrechte.
***************************************** Ich glaube nicht, dass ein "Metametasystem" zur Begründung der Zustimmung zu einem Metasystem notwendig ist. Falls ein derartiges Metasystem tatsächlich für alle einsichtig wäre, müsste sich dies ja auch innerhalb des Metasystems begründen lassen. Selbst daran ist zu zweifeln, da formale und materiale Argumente nie sauber trennbar sind. Dies zeigen ja auch (die etwas aus der Mode gekommenen) Versuche von philosophischer Letztbegründung (wie etwa bei Karl-Otto Apel). *****************************************
Es scheint mir wünschenswert, daß eine solche Einschätzung Allgemeingut würde. Viele der pathologischen Verrücktheiten blieben uns erspart. Andererseits: der von Ihnen formulierte Standpunkt ist eben kein Allgemeingut. Nach meiner Einschätzung und Erfahrung verfügt "Gläubigkeit" - die durchaus irdischen Sachverhalten zugewandt sein kann - als emotonales Movens von Handlungsentscheidungen bei einer Großzahl von Menschen immer noch über einen viel, viel höheren Stellenwert als kritisches oder gar autonomes Denken. Mir scheint, daß es in einem ontologisch relevanten Sinn nur machtgegründete Metasysteme gibt, und daß die Reichweite solcher Systeme der Reichweite der Macht entspricht. Das ist auch eine Aussage über Philosophie und Philosophen und ihre faktischen Möglichkeiten. Wirkungsrelevant gewordenen Philosophien ist gemeinsam, daß sie neue Begründungszusammenhänge liefern, Der Wandel vom Gottkönigtum zur Polis setzt AUCH voraus, daß in den Köpfen der Leute klar ist, daß die Absetzung ihres Herrschers kein Sakrileg ist, sondern "normales" Business. Schon sind wir bei den Vorsokratikern (ich möchte diesen problematischen Begriff hier nur der Kürze halber verwenden). In diesem Zusammenhang sei vielleicht beiläufig daran erinnert, daß viele dieser frühen griechischen Philosophen Lokalpolitiker waren.
***************************************** Nun glaube ich aber, dass uns die dekonstruktivistische Haltung einer Verneinung von Metasystemen als epistemologische Unmöglichkeit nicht weiterbringt. Das mag zwar eine zutreffende Position sein, Tatsache ist jedoch, dass wir (hierarchisch geordnete) Metaregeln brauchen, die unsere partikulären Regeln leiten können. Durch die Unmöglichkeit der Kenntnis und Gültigkeit eines "Systems" (als System) verliert ja das "Meta", die Erfordernis von übergeordneten Regeln, nicht seine dringliche Notwendigkeit. *****************************************
Die eigentliche Crux des philosophischen Denkens im Rahmen europäischer Geistesgeschichte besteht meines Erachtens darin, daß der Übergang von der Ontik zur Ontologie, wie er bei Sokrates vollzogen und mit Aristoteles entgültig stabilisiert ist, die Ontik - also die Wirklichkeit, wie sie sich faktisch erweist - nicht dazu bewegen konnte, den ontologischen Gedankengängen Folge zu leisten. Alle die klugen und beeindruckenden Gedanken wirken viel viel besser auf die Realität zurück, wenn ein Gewehr dahinter steht, das ihre Handhabung durchsetzt. Das ist kein Statement für die Macht, nur eine Einschätzung des Grunddilemmas des Philosophen und übrigens auch des Soziologen.
Jedenfalls: im Einsatz von Macht scheint mir faktisch jenes "Meta" gegeben zu sein. Dies entspringt einer sehr, sehr bösen - und, wie ich glaube: der Realität der Spezies vollkommen entsprechenden - Grundeinschätzung meinerseits: Menschen wissen nicht, Menschen gauben nicht, Menschen setzen - fließend permutierend - als Wirklichkeit und Wert, was ihnen situativ nützlich ist. Je besser die Verschleierung dieses Prinzipes - zum Beispiel durch die Etablierung von System und Metasystem - desto besser für seine Effektivität. Und auch in diesem Zusammenhang sei beiläufig daran erinnert, daß viele der frühen griechischen Philosophen Lokalpolitiker waren.
***************************************** Damit stellt sich auch die Frage, ob etwaige Metaregeln graduell sein können. Ich denke, ja, denn was für die Beziehungen zwischen Personen gelten soll, muss es nicht unbedingt auch für die Beziehungen zwischen Staaten usw. Zudem werden derartige Metaprinzipien wohl auch immer relativ sein, in dem Sinne, als sie in einem pragmatischen Konsens als universell gültig erklärt werden, somit in einem pragmatischen Konsens auch wieder verändert werden können. *****************************************
"Gestern standen wir vor dem Abgrund. Heute sind wir schon einen großen Schritt weiter."
Sie beschreiben nichts anderes als die ungemilderte Kontingenz dessen, was faktisch geschieht. Der Zustand unserer Welt scheint mir direkte Folge davon zu sein. Denn was heißt "Veränderung in einem pragmatischen Konsens"? Es bedeutet soviel wie: "Gemacht wird, was die Subjekte der Macht durchsetzen". Sehen Sie - nur als Beispiel - in einem demokratischen Wahlverfahren etwa einen Konsens? Ich bin gezwungen, mitzutragen, was ich nicht mittragen will. Natürlich kann ich mich auf den Weg machen, selbst ein Subjekt der Macht zu werden. Es bliebe nichts von mir übrig - wie zum Beispiel gerade die Grünen überdeutlich machen.
Es ist mir klar, daß manche Gedanken auf dem Weg über die Aporie direkt in Fatalismus führen. Dem standzuhalten und nicht zu versuchen, Ontik und Ontologie zu verwechseln, dabei aber trotzdem EIGENE ethische Maximen zu entwickeln, scheint mir immer noch wünschenswerter zu sein, als diesen Tanz der Willkür mitzutanzen, indem ihm rationale Begründungen unterlegt werden. Es muß einfach genug sein, daß es möglich ist, solche Dinge zu sagen und der menschlichen Spezies sozusagen den philosophischen "Stinkfinger" zu zeigen, bevor es, mit Laotse, in die Berge geht.
Ciao
Roger Pfau
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