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Lieber Roger Pfau,
da geben Sie uns mit Ihrer Frage eine harte Nuss zu knacken, an der sich schon ganze Philosophengenerationen die Zähne ausgebissen haben. Es dürfte schwierig sein, darauf eine einfache Antwort zu geben; ich versuche daher auch erst einmal, den Gedanken fortzuspinnen.
»» Erläuterung 1: mit "Metasystem" ist hier jedes System von Aussagen gemeint, dessen tatsächliche oder beanspruchte Gültigkeit dafür herangezogen wird, die Gültigkeit anderer, z.B. davon abgeleiteter Aussagen oder Aussagesysteme zu begründen bzw. zu rechtfertigen (klassisch also: Religionen, Philosophien, Ideologien u.ä.)
Verstehe ich Sie richtig: Religionen, Philosophien, Ideologien u.Ä. sind die abgeleiteten Aussagensysteme und gesucht ist das Metasystem, das sie in irgendeiner Weise begründet und strukturiert?
Was ist das Systemische an einem System, sprich was macht ein System zum System? Kann es in einem System auch Widersprüche geben, ohne dass es aufhören würde, ein System zu sein? Worauf ich hinaus will: Wäre es vielleicht nicht sinnvoller, nach (einzelnen) "Metakategorien" oder "Metaprinzipien" zu fragen als nach kompletten Metasystemen? Das Systemdenken scheint mir häufig zu sehr in funktionalistischen Grundannahmen stecken zu bleiben, und damit allein ist der Wirklichkeit kaum beizukommen. Zudem wäre die totalitäre Tendenz, die dem Systemdenken anrüchig ist, vermieden und eine grundsätzliche Offenheit für andere Sichtweisen gewahrt.
»» Erläuterung 2: mit "gültig" oder "Gültigkeit" ist "inhärente Gültigkeit" gemeint, nicht die Fähigkeit genügend mächtiger oder einflussreicher Strukturen, den ihnen unterliegenden Menschen die willfährige Handhabung eines solchen Systems aufzuzwingen.
Hier stellt sich für mich die Frage von Reichweiten. "Gültigkeit" ist ja nie nur eine ontologische oder auch epistemologische Angelegenheit, sondern immer auch eine ethische bzw. politische: Was ist gültig für wen?
»» Erläuterung 3: mir scheint, dies ist der zentrale Punkt, an dem die Menschheit schief liegt. Jede Begründung von Werten läuft oder lief noch immer darauf hinaus, DIE EIGENEN Werte anderen abzuverlangen. Daß diese Werte auf einen Menschen gekommen sind, weil sie ihm von wieder anderen abverlangt wurden, wird nur in den seltensten Fällen reflektiert.
Ich denke auch, dass ein empirischer Ansatz der Erfolg versprechendste in dieser Problematik ist: einfach in Geschichte und Gegenwart nach Prinzipien zu suchen, die immer wiederkehren und deshalb vielleicht universalisierbar sind (allerdings nicht automatisch auch schon universal). Wäre etwa bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte empirisch und nicht deduktivistisch vorgegangen worden, stünden dort auch nicht derart partikuläre Rechte wie das Recht auf privates Eigentum (Art. 17), das bestens geeignet ist, kollektiv organisierte Gemeinschaften zu zerstören, oder das Recht auf bezahlten Urlaub (Art. 24), das die Trennung der Produktionsmittel und einen ganz speziellen Arbeitsbegriff voraussetzt (der nicht einmal in der westlichen Arbeitswelt zutreffend ist: Wann könnten etwa Hausfrauen ihr Menschenrecht auf bezahlten Urlaub wahrnehmen?).
»» Also: gibt es gültige Metasysteme? Solche, die ohne Macht-, Suggestions-, Überredungseinsatz u.ä. auskommen? Die von sich aus für ALLE Menschen offensichtlich, einsichtig und wünschenswert sind? Und wenn ja: wo ist das Metametasystem, das dieses "ja" begründet.
Ich glaube nicht, dass ein "Metametasystem" zur Begründung der Zustimmung zu einem Metasystem notwendig ist. Falls ein derartiges Metasystem tatsächlich für alle einsichtig wäre, müsste sich dies ja auch innerhalb des Metasystems begründen lassen. Selbst daran ist zu zweifeln, da formale und materiale Argumente nie sauber trennbar sind. Dies zeigen ja auch (die etwas aus der Mode gekommenen) Versuche von philosophischer Letztbegründung (wie etwa bei Karl-Otto Apel).
Ich denke vielmehr, dass die Begründung der Zustimmung in einem partikulären System erfolgen kann, in je unterschiedlicher Weise. Um noch einmal das Beispiel der Menschenrechte zu bemühen: Es ist doch durchaus vorstellbar, dass zumindest einzelne Menschenrechte aus unterschiedlichen "Systemen" heraus Zustimmung erfahren, aber unterschiedlich begründet werden - einmal unter Berufung auf den Koran, einmal als Naturrecht, einmal als Imperativ buddhistischer Ethik usw.
Nun glaube ich aber, dass uns die dekonstruktivistische Haltung einer Verneinung von Metasystemen als epistemologische Unmöglichkeit nicht weiterbringt. Das mag zwar eine zutreffende Position sein, Tatsache ist jedoch, dass wir (hierarchisch geordnete) Metaregeln brauchen, die unsere partikulären Regeln leiten können. Durch die Unmöglichkeit der Kenntnis und Gültigkeit eines "Systems" (als System) verliert ja das "Meta", die Erfordernis von übergeordneten Regeln, nicht seine dringliche Notwendigkeit.
Übrigens halte ich interkulturelle Vereinbarungen keineswegs für Metaregeln, sondern lediglich für eine besondere Spielart von partikulären Regeln, die im interkulturellen Umgang gelten. Das zeigt sich etwa auch daran, dass ein besonders großes Maß an Toleranz, das in der interkulturellen Interaktion angebracht scheint, intrakulturell schnell zur Handlungsunfähigkeit führen kann. Hier stoßen wir also wieder auf die Frage der Reichweiten.
Damit stellt sich auch die Frage, ob etwaige Metaregeln graduell sein können. Ich denke, ja, denn was für die Beziehungen zwischen Personen gelten soll, muss es nicht unbedingt auch für die Beziehungen zwischen Staaten usw. Zudem werden derartige Metaprinzipien wohl auch immer relativ sein, in dem Sinne, als sie in einem pragmatischen Konsens als universell gültig erklärt werden, somit in einem pragmatischen Konsens auch wieder verändert werden können.
Beste Grüße Bertold Bernreuter
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