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Lieber Roger Pfau! Schön, dass dieser Thread mit seinem ebenso wichtigen wie interessanten Thema nach so langer Zeit nun doch noch zum Leben erwacht!
Als ersten kurzen Einwurf zu Ihrer Position möchte ich darauf aufmerksam machen, dass sie mit Ihrer in meinen Augen unnötig fatalistischen Position implizit ja behaupten, dass wir Philosophen weitgehend einpacken können, da aufgrund der Komplexität der Wirklichkeit keine ethisch begründbaren Handlungspostulate möglich sind, sondern die Menschen in einem moralischen Relativismus gefangen sind, der noch dazu weitgehend von Machtfaktoren bestimmt ist. Ich habe das jetzt bewusst provokant verkürzt und hoffe auf Ihren lebhaften Widerspruch.
Ich sage deswegen "unnötig fatalistisch", weil ich zwar Ihren Einzeleinschätzungen zum Teil zustimme, jedoch nicht den Schlussfolgerungen daraus. Ich glaube, in Ihrer Position ist zu sehr Sein und Sollen miteinander vermengt. Die Tatsache von Macht (und Machtmissbrauch) etwa desavouiert ja noch nicht an sich die Möglichkeit einer ethischen Alternative.
Ich mag das Erbe der Aufklärung nicht vorschnell den Bach hinunter werfen. Zu diesem Erbe scheint mir auch die Unterscheidung zwischen formaler Geltung und materialen Inhalten zu gehören (die zugegebenermaßen nicht wirklich stringent durchzuhalten ist). So etwa à la Voltaire: "Ihre Meinung ist genau das Gegenteil der meinen; aber ich werde mein Leben daran setzen, dass Sie sie sagen können."
Ich habe lange nicht gewusst, was ich dem Dilemma, das Yoshiro Nakamura zeichnet, entgegen setzen könnte. Vielleicht liegt das Problem ja darin, die Gültigkeit einer fremden Position als universal gültig zu betrachten, anstatt nur der Möglichkeit, sie zu äußern, universale Gültigkeit zuzugestehen. Die Achtung der Andersheit des Anderen ist damit keineswegs verletzt, zumindest dann nicht, wenn widerstrebende Positionen in einem gleichberechtigten Verfahren verhandelt werden können. Damit hätten wir es mit potentiell universalen Positionen zu tun, deren tatsächliche universale Gültigkeit sich erst noch erweisen müsste. Das Problem ist damit zwar teilweise nur verlagert, weil diese Vorgehensweise von einer universalen Anerkennung der formalen Verfahrensregeln ausgehen muss, doch scheint mir darin zumindest bedeutendes Terrain gegenüber der Willkür und Ignoranz der Macht gewonnen zu sein.
Beste Grüße Bertold Bernreuter
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