home
archive · forum   
themes literature agenda archive anthology calendar links profile


deutsch  Wahrheit... ein zu subjektives Thema?

iris: emailiris1960@hotmail.com, 16.11.2000, 20:15
Original: deutsch  Wahrheit... ein zu subjektives Thema? (Annelie), 09.11.2000, 22:45



Hallo Annelie!

> Woher kann ich wissen, daß meine Gedanken wirklich meine sind... woher weiß ich, wo und wer ich bin? <

Ja, das habe ich auch schon oft gedacht. Mich hat schon als Kind das verkehrte Bild auf der Netzhaut nachdenklich gemacht. Weil wir wissen, daß ein Baum nicht in der Luft wurzeln kann, drehen wir ihn um, doch so unwahr ist der Baum vielleicht nicht, der seine Wurzeln in den Himmel streckt?
Ich habe mir auch schon oft Gedanken über die sogenannten "Geisteskranken" mit ihren von uns so bedauerten oder belächelten Wahrnehmungen gemacht.
Laut darf man natürlich nach wie vor nicht denken. Man wird zwar nicht mehr verbrannt, aber auf eine Art immer noch "ausgestoßen".
Wer sagt denn nicht, daß wir auf dem Holzweg sind, aber die Verrückten die Wahrheit kennen?

> Obgleich wir durch Technologie, Wissenschaft und Forschung so viele neue Erkenntnisse gewonnen haben, scheint es mir manchmal als wären wir auch nicht schlauer als zuvor. >

Sind wir auch nicht. Wir wissen nur mehr über materielle Dinge. Ich glaube nicht, daß der Fortschritt in der Forschung unser Lebenssinn ist. Er ist nur ein Begleitmittel auf dem Weg, Bildung prägt uns ja auch, aber der Neandertaler schafft genauso den Weg, nur anders.

> dennoch denke ich, daß ich mich selbst wohl nie wirklich eindeutig und konkret einkreisen kann, denn befinden wir uns nicht in einem stetigen Veränderungs-, Lern- und Reifeprozeß? <

Es kommt darauf an, wie Du Deine Fortbewegung empfindest. Ja, Leben ist Veränderung. Stillstand ist Tod. Wenn ich "kreise", kann ich mich ursprünglicher und gleichzeitig ewiger "empfinden" als wenn ich eine Länge gehe. Mit 14 hatte ich einen Narkosetraum: Ich wurde Richtung Himmel gezogen, wußte, daß ich nun tot bin, die Sterne blinkten und dann fing ich zu kreisen an. Ich kreiste und kreiste und traf Gestalten inmitten des Kreisens... (Mandeloperation)

> Außerdem glaube ich, daß ein Spiegelbild immer noch nur ein Abbild
ist und niemals der "wirklichen Wirklichkeit" entspricht; verzerrt und seitenverkehrt kann es sein.... Meinst Du, daß man als Mensch diesen Punkt erreicht, an welchem man sagen kann, ich habe mich wirklich erkannt? <

Ich glaube schon. Ich selbst habe anfangs ziemlich viel rationale Erkennungsarbeit "geleistet", bis ich merkte, daß mein Gefühl da nicht mitkam. Dann durchlief ich auch die Gefühlswelt von Anfang an...
Das klingt vielleicht seltsam, war aber so. Ich denke, ich bin für mich selbst gut zu hinterfragen. Ich denke, ich kenne mich.

> Es wäre schön, wenn es ihn geben würde und er erreichbar ist, denn dann, glaube ich, ist man in der Lage, Frieden mit sich selbst zu schließen und innere Harmonie zu erlangen. <

Mag sein. Ich lebe heute (bin 40) ganz anders als früher und es machen mich die Dinge, die ich heute nicht mehr habe, gerade durch ihr Nicht-mehr-sein ruhig und zufrieden. Das heisst, ich mußte eine volle und völlig andere Welt loslassen, um mich selbst zu gewinnen.

> Wäre es nicht wahnsinnig spannend, wenn ich für einen Tag mit Deinen und Du mit meinen Augen das Leben betrachten könnte? Was würde dabei wohl herauskommen? <

Ein Chaos :-)

> Glaube ist für mein Leben sehr wichtig... Was mir nur immer wieder hart zusetzt, ist die Tatsache, daß andere es als Flucht, als Vereinfachung sehen. <

Glaube hat viele Gesichter.
Ich bin gerade dabei, mich mit der Bibel zu beschäftigen und kann nicht versprechen, daß sie für mich zum Buch des Lebens wird...

Liebe Grüße, iris